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Full text of "Canchons und partures des altfranzösischen Trouvere Adan de le Hale le Bochu d'Aras. I. Canchons"

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Canchons  und 
Partures  des 
altfranzösisc... 
trouvere  Adan 
de  la  Haie  le  ... 


Rudolf  Berger 


Diqitized  by 


UarbartJ  ColLrgr  ILtürani 

FROM 


CANCHONS  UND  PARTURES 

DES  ALTFRANZÖSISCHEN 

TROUVERE  ADAN  DE  LE  HALE  LE  BOCHU  D'ARAS. 
CUla^>v    cU  1<k  ')( -».'•<'  . 

I.  CÄNCHONS. 


IN  AUGURAL-DISSERTATION 

ZUR  ERLANGUNG 
DER  PHILOSOPHISCHEN  DOKTORWÜRDE, 

WELCHE  MIT 

GENEHMIGUNG  DER  PHILOSOPHISCHEN  FAKULTÄT 

DER 

VEREINIGTEN  FRIEDRICHS-UNIVERSITÄT 
HALLE- WITTENBERG 
MONTAG,  DEN  30.  OKTOBER,  MITTAGS  12  UHR 
ZUGLEICH  MIT  DEN  ANGEHÄNGTEN  THESEN 
ÖFFENTLICH  VERTEIDIGEN  WIRD 

RUDOLF  BEUGE», 

AUS  BERLIN. 

OPPONENTEN: 
GEORG  ILLIES,  cand. 
JULIUS  POWE,  cand. 


HALLE  a.  S. 

DRUCK  VON  EHRHARDT  KARRAS 
1899. 


Digitized  by  VjOOQlC 


Harvard  CoU?re  Library 
De^ .  k:,  1900 
By  Bxoiiange. 


Mit  Genehmigung  der  hohen  Philosophischen  Fakultät 
beschränkt  sich  die  vorliegende  Dissertation  vorläufig 
auf  einen  ganz  kleinen  Teil  der  eingereichten  Arbeit, 
im  Wesentlichen  die  Einleitung  zu  der  kritischen  mit 
Kommentar  verbundenen  Ausgabe  der  Canchons  und  Par- 
tures  unseres  Dichters  und  als  Probe  Text,  Uebersetzuog  und 
Anmerkungen  zu  Canchon  I,  die  für  die  letzteren  unter 
allen  Kanzonen  verhältnismässig  den  kleinsten  Raum  bot. 
Das  Ganze  wird  vollständig  in  der  von  Wendelin  Förster 
herausgegebenen  und  im  Verlage  von  Max  Niemeyer, 
Halle  a.  S.  erscheinenden  „Romanischen  Bibliothek"  er- 
scheinen, und  zwar  demnächst  in  No.  17  mit  dem,  was  allein 
der  Fakultät  vorlag,  mit  Teil  I.  „Canchons". 


Meinen  lieben  Eltern. 


Digitized  byGoOglC 


Digitized  by 


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Vorbemerkung. 


Es  war  im  Sommersemester  1888,  als  Herr  Professor 
Adolf  Tobler  den  Mitgliedern  des  unter  seiner  Leitung 
stellenden  Berliner  Universitätsseminares  für  romanische 
Philologie,  zu  denen  ich  damals  gehörte,  beträchtliche 
Stücke  der  beiden  Dramen  Gius  de  Robin  et  de  Marion 
und  Gius  Adan,  die  dem  in  der  französischen  Litteratur 
mit  Recht  so  gefeierten  und  durch  die  nach  seiner  Ge- 
liebten und  späteren  Frau  „Marion"  benannten  köstlichen 
kleinen  Novelle  Paul  Heyses  vom  Jahre  1852  auch  zum 
ersten  Male  weiteren  Kreisen  in  Deutschland  bekannt  ge- 
wordenen Trouvere  des  13.  Jahrhunderts  Adan  de  le  Haie 
le  Bochu  d'Aras  (Adam  vom  Rathause  —  vgl.  die  Anm.  des 
Handschriftenverzeichnisses  8.  12  — ,  dem  Buckligen  von 
Atrecht,  um  den  Namen  einmal  nach  Wendelin  Försters  Art 
ganz  zu  verdeutschen)  noch  von  keinem  Gelehrten  abge- 
sprochen worden  sind,  nach  der  zwei  Jahre  zuvor  erschienenen 
rein  diplomatischen  Ausgabe  der  unter  seinem  Namen 
gehenden  drei  Dramen  von  A.  Rambeau  zur  Interpretation 
vorlegte.  Wenn  der  hochverehrte  Lehrer  diesen  mir  stets  un- 
vergesslichen  wohl  noch  mehr  exegetischen  als  textkritischen 
Uebungen,  deren  ich  in  dem  später  erscheinenden  Kommentare 
der  Dramen  fast  bei  jedem  Verse  werde  gedenken  müssen, 
nicht  die  Ausgabe  derselben  durch  Monmerquä  und  Michel  im 
Th^ätre  fran9ais  au  moyen  äge  und  auch  ebensowenig  die 
editio  princeps  der  gesamten  Werke  des  Dichters  durch  E.  de 
Coussemaker  zu  Grunde  legte,  so  hatte  er,  wie  es  bei  ihm 
selbstverständlich  ist,  seine  guten  wohl  erwogenen  Gründe. 
Wenn  E,  de  Coussemaker  in  den  betreffenden  Fachkreisen 


1 


—  — 


den  Ruf  hat,  auf  musikhistorischem  Gebiete  Hervorragendes 
im  Allgemeinen  wie  auch  in  Bezug  auf  Adan  de  le  Haie 
im  Besonderen  geleistet  zu  haben,  so  mag  dies  bestehen; 
philologisch  und  litterar  historisch  ist  die  Coussemakersche 
Ausgabe  für  den  späteren  Neuherausgeber  nicht  nur  mangels 
jeden  Kommentares  überhaup*  und  einer  irgendwie  zuver- 
lässigen Einleitung  nicht  förderlich,  sondern  vielmehr  aus 
gleich  zu  besprechenden  Gründen  sogar  auf  höchste  ver- 
wirrend und  hemmend.  Francisque  Michel  hat  für  seine 
Zeit  Vortreffliches  in  der  Interpretation  der  drei  unserem 
Dichter  von  der  Ueberlieferung  zugeschriebenen  Dramen 
geleistet,  aber  eben  nur  für  seine  Zeit,  in  der  der  Interpret 
in  Ermangelung  fast  jeder  Vorarbeit  von  Willkürlichkeiten 
nicht  frei  sein  konnte;  auch  war  es  ihm  bei  den  spärlichen 
ihm  zu  Gebote  stehenden  Handschriftenabschriften  und  -Ab- 
drucken natürlich  nicht  möglich,  auch  nur  annähernd 
Forderungen  zu  befriedigen,  wie  man  sie  heute  an  einen 
„kritischen"  Text  stellen  würde! 

Michaeli  1889  nun  bestimmte  mich  Herr  Professor 
Tobler  zu  der  sicher  höchst  dankbaren  und,  wie  es  anfangs 
schien,  auch,  besonders  nach  den  Vorarbeiten  im  Seminare, 
nicht  mit  allzugrossen  Schwierigkeiten  verbundenen  Arbeit 
einer  Herausgabe  der  reizenden  kleinen  Pastoralkomödie 
Giu  de  Robin  et  de  Marion.  Wir  waren  bei  der  Be- 
sprechung des  Planes  beide  darüber  einig,  dass  es  sich 
bei  einer  kritischen  Ausgabe  auch  um  die  Herstellung  der 
Sprache  des  Dichters  handele.  Und  da  konnte  es  wohl 
methodisch  kein  besseres  Vorbild  geben  als  gerade  Toblers 
Ausgabe  des  DU  dou  vrai  anel  —  oder,  wie  er  ansetzt, 
aniel  — ,  einer  Dichtung,  von  der  ich  immer  mehr  die 
Ueberzeugung  gewinne,  dass  auch  sie  in  Arras  selbst  oder 
seiner  nächsten  Umgebung  entstanden  und  sogar  höchst 
wahrscheinlich,  wenn  nicht  von  Adan  selbst,  so  doch  von 
einem  der  vielen  mit  ihm  befreundeten  Puygenossen  ver- 
fasst  sei.  Die  Sprache  der  Reime  und  der  Urkunden  der 
betreffenden  Gegend  auszubeuten,  damit  ist  von  Tobler  ein 
für  alle  Male  der  zuverlässige  Weg  gezeigt,  der  dazu  führt, 
die  Sprache  eines  Denkmals  in  allen  ihren  Einzelheiten 
bestimmen  zu  können,  nur  wird  es  für  einen  Nachfolger 


schwer  werden,  dieselbe  vorsichtige  und  weise  abwägende 
grade  bei  dieser  Art  Untersuchung  angebrachte  „Be- 
schränkung" in  der  Ausbeutung  der  Resultate  zu  zeigen, 
wegen  der  ihn  auch  ein  Göthe,  dem  die  romanische  Philologie 
ja  bekanntlich  ihren  Altmeister  und  Toblers  Lehrer  Friedrich 
Diez  zu  verdanken  hat,  als  den  „Meister"  feiern  würde, 
den  die  Romanisten  diesseits  und  jenseits  des  Rheins  nun 
schon  seit  Jahrzehnten  in  dem  Berliner  Gelehrten  zu  sehen 
gewohnt  sind! 

Aber  trotz  dieser  „Beschränkung",  die  sich  Tobler 
in  so  trefflicher  Weise  aufzulegen  verstand,  hielt  er  es 
ebenso,  wie  später  —  allerdings  im  Gegensatze  zu  den 
letzten  Jahren  —  W.  Förster,  für  angebracht,  die  Resultate 
der  sprachlichen  Untersuchung  auch  wirklich  praktisch  in 
den  Text  überall  gleichmässig  einzuführen.  „Mieux  vaut 
se  tromper  en  cherchant  hardiment  la  vöritü  que  de  se 
cacher  dans  un  silence  inutile!",  sagt  der  Romanist  Louis 
Passy,  äcole  des  chartes  XX  481,  i.  J.  1859  bei  Gelegenheit 
einer  literarhistorischen  Hypothese  in  Bezug  auf  einen 
Puygenossen  unsres  Adan,  und  auch  Tobler  will  nach 
vr.  an.  S.  XXXIII  „den  Versuch  um  der  Möglichkeit  des 
Fehlens  willen  nicht  unterlassen!"  Nachdem  man  nun 
mittlerweile,  besonders  durch  die  glänzenden,  ebenso  ge- 
drängten wie  exakten  Untersuchungen  Hermann  Suchiers  über 
die  französischen  Mundarten  v.  J.  1888  (Gröbers  Grundriss 
I  600 — 605),  denen  zufolge  ich  auch  in  Uebereinstimmung 
mit  den  meisten  sprachlich  zuverlässigen  und  reine  Lokal- 
f&rbung  aufweisenden  Urkunden  der  Stadt  Arras  aus  den 
Werken  ihrer  Dichter  ie  für  lat.  §  in  geschlossener  Silbe, 
wie  wir  es  wohl  sonst  im  NO.  finden,  äusschliesse  (s.  bei 
Suchier  a.  a.  0.  Nr.  38),  sich  zu  der  Ansicht  durchgearbeitet 
hat,  dass  die  Sprachgrenzen  oder  Sprachzonen,  für  die  sich 
eine  Mundart  bis  in  alle  Einzelheiten  gleich  bleibt,  gar 
nicht  eng  genug  gezogen  werden  können,  war  das  Material, 
mit  dem  ich  das  Tableau  der  Sprache  des  Dichters  auf- 
führen durfte,  nun  doch  ein  wesentlich  anderes  als  das 
Toblers  geworden,  und  zwar  höchst  unerwarteter  Weise 
trotz  des  engeren  Gebietes  ein  weit  umfassenderes.  Was 
die  Urkunden  betrifft,  so  blieb  von  den  der  Stadt  Arras 


1* 


und  ihrer  engsten  Umgebung  angehörigen  zwar  in  der  von 
Tobler  benutzten  Tailliarschen  Sammlung  nur  eine  be- 
schränkte Zahl  ;  um  so  mehr  lernte  ich  aber  solche  aus 
zum  Teil  erst  im  Laufe  der  Zeit  veröffentlichten  Sammlungen 
kennen,  die  allein  der  speziellen  Lokalgeschichte  der  Stadt 
Arras  dienen!  Wie  gross  ihre  Zahl  ist,  wird  der  Umfang 
des  Urkundenkatalogs  lehren,  den  ich  an  die  Spitze  meiner 
in  Vorbereitung  befindlichen  Arbeit  über  die  Sprache  der 
Stadt  Arras  zur  Zeit  der  Trouveres  zu  stellen  gedenke! 
Derselbe  Grund,  dass  die  Sprachzonen,  die  man  nach  dem 
heutigen  Stande  der  Wissenschaft  unter  einem  einheitlichen 
Gesichtspunkte  zu  betrachten  hat,  so  viel  engere  geworden 
sind,  musste  mich  auch  veranlassen,  mich  nicht  bloss  auf 
die,  einschliesslich  der  späteren  ebenfalls  arrasischen  wahr- 
scheinlich vom  Neffen  Adans  Jean  Madot  gedichteten 
interpolierten,  sich  auf  die  Zahl  858  belaufenden  Verse 
des  Giu  de  Robin  et  de  Marion  zu  beschränken,  sondern 
zum  mindesten  alle  Reime  der  gesamten  Werke  Adans 
auszubeuten!  Oft  aber  reichten  auch  sie  nicht  aus,  um 
die  Gestalt  mancher  Wörter  zu  bestimmen,  und  es  hiess 
nach  allen  Seiten  Umschau  halten  in  der  reichen  arrasischen 
Trouverelitteratur  des  13.  Jahrhunderts!  So  ist  denn  in 
den  ersten  Jahren  meiner  Arbeit  die  Untersuchung  der 
Sprache  Adans  in  den  Mittelpunkt  getreten  und  zu  einer 
solchen  der  mittelalterlichen  Sprache  seiner  Ileimatsstadt 
auf  Grund  seiner  eignen,  seiner  Puygenossen  und  seiner 
Vorgänger  gereimten  Werke  wie  auch  auf  Grund  der 
gleichzeitigen  lokalen  Urkunden  von  Arras  geworden. 
Das  Material  für  diese  umfangreiche  Arbeit,  für  die  ich 
auch  stellenweise  das  heutige  Patois  nach  von  mir  ge- 
sammelten, bisweilen  seltenen  und  nicht  in  den  Buchhandel 
gekommenen  Veröffentlichungen  zur  Vergleichung  heranzog 
und  für  die  ich  oft  aus  den  handschriftlichen  Varianten 
der  Ausgaben  in  unser  Gebiet  gehöriger  und  nicht  ge- 
höriger mittelalterlicher  Autoren  die  Sprache  nachweislich 
aus  Arras  oder  der  engsten  Umgebung  stammender  Kopisten 
auch  ausserhalb  der  Reime  benutzen  konnte  (so  die  Sprache 
Jean  Madots  und  des  Perot  aus  Neele  in  der  grossen 
Sammelhs.  B.  N.  375  nach  Försters  Ausgabe  von  Crestiiens 


Cliges,  Erec  u.  a.,  nach  Jolys  Ausgabe  des  R.  Troie,  nach 
dem  von  Hngo  Andresen  herausgegebenen  „altfranzösischem 
Marienlobe",  nach  C.  A.  Windahls  Ausgabe  der  Ver  de  le 
?nort,  nach  Alfred  Webers  und  H.  Borgs  Ausgaben  von 
Athis  und  Pröphilias,  nach  Barbazan  und  M3ons  Ausgabe 
des  Congiet  Jean  Bodel  wie  der  gleichen  von  _  G.  Ray- 
naud u.  a.),  ist  von  mir  insoweit  gesammelt  und  gesichtet, 
als  es  nicht  seiner  ganzen  Natur  nach  durch  jede  neue 
arrasische  Veröffentlichung  von  einem  Anderen  oder  mir 
der  Ergänzung  und  Verbesserung  fähig  ist,  und  harrt  nur 
noch  späterer  zusammenfassender  Bearbeitung.  Aber  bald 
erkannte  ich  bei  der  Durchsicht  der  Werke  des  Adan  de 
le  Haie  auf  ihre  Reime  hin ,  wie  unzuverlässig  die  Cousse- 
makersche  Ausgabe  sei,  nicht  bloss,  dass  die  Angabe  seiner 
Varianten  unvollständig  und  dürftig  ist,  wie  Ed.  Schwan 
1886  in  seinem  Werke  über  die  altfranzösischen  Liederhss. 
S.  226  ganz  richtig  bemerkt,  auch  das  Wenige,  was  er 
bringt,  ist  oft  falsch  wiedergegeben  oder  steht  in  einer 
ganz  anderen  Hs.  als  er  angiebt.  Dieser  Mangel  an  jeder 
wissenschaftlichen  Akribie  des  Herausgebers  zeigt  sich  ja 
auch  in  seiner  Einleitung  an  verschiedenen  Stellen,  sogar 
da,  wo  er  —  eine  gewiss  nicht  zu  schwierige  Aufgabe!  — 
die  Mitunterredner  Adans  in  seinen  Partures,  wie  unser 
Diqhter  die  sonst  unter  dem  Namen  Jeux-partis  bekannte, 
Dichtungsart  bezeichnet,  angeben  will,  und  hier  gewiss 
recht  charakteristisch,  wenn  er  nicht  einmal  den  Anredenden 
und  den  Angeredeten  richtig  auseinander  zu  halten  weiss 
(8.  XLIII— XLV)! 

So  musste  ich  mir  denn  die  Abschriften  der  ein- 
schlägigen Teile  der  Hss.  von  weit  und  breit  her  besorgen, 
und  teils  durch  die  Liebenswürdigkeit  der  Herren  Ab- 
schreiber, teils  auf  einen  bestimmten  Auftrag  von  mir  hin 
bekam  ich  noch  über  diese  Teile  hinaus  so  viele  Ab- 
schriften, dass  ich  sowohl  die  Ausgabe  der  gesamten  Werke 
Adans  bis  auf  eine  ausführliche  Biographie,  für  die  ich 
erst  das  Material  zusammenzuhaben  glaube,  wie  auch  ganz 
besonders  die  Ausgabe  einer  in  diesem  Bestände  teilweise 
schon  im  Mittelalter  vorhanden  gewesenen  Blumenlese  bisher 
unedierter  Partüren  mancher  Puygenossen  Adans  einiger- 


massen  druckfertig  habe.  Letztere,  die  auch  für  das  Kapitel 
von  Adans  Biographie,  das  sich  auf  die  Mitglieder  des  Puy 
von  Arras  und  die  Freunde,  Gönner  und  Verwandte  Adans 
und  ihren  Verkehr  unter  einander  bezieht,  ein  reiches 
Material  giebt,  gedachte  ich  seit  einiger  Zeit  von  meinen 
Arbeiten  zuerst  zu  veröffentlichen,  als  ich  kürzlich  durch 
eine  Ankündigung  in  der  Romania  von  dem  demnächstigen 
Erscheinen  einer  ätude  sur  Adam  de  la  Halle,  sa  vie  et 
ses  oeuvres  von  Herrn  Henry  Guy,  einem  Schüler  A.  Jean- 
roys, las  —  s.  auch  weiter  unten  — .  Nachdem  mir  nun  schon 
im  Jahre  1893  der  bekannte  Toulouser  Romanist  Alfred 
Jeanroy  selbst  mit  der  kritischen  Herausgabe  der  Ver 
äamour  unseres  Dichters  in  seiner  Abhandlung  „Trois  dits 
d'amour"  Rom.  XXII  45  —  70  und  nun  gar  jüngst  Ernest 
Langlois  zu  Lille  mit  der  des  Giu  de  Robin  et  de  Marion 
zuvorgekommen  ist,  so  möchte  ich,  wiewohl  beide  Heraus- 
geber, unbeschadet  einiger  sonstigen  Vorzüge  ihrer  Einzelaus- 
gaben, der  Sprache  des  Dichters  nur  in  sehr  bescheidenem 
Masse  gerecht  geworden  sind,  doch  einmal  an  die  kritische 
Ausgabe  seiner  einzelnen  Werke  gehen,  indem  ich  mir  die 
Biographie  und  die  sprachliche  Abhandlung  aufspare  für 
den  Schluss,  beide  in  grossem  Zusammenhang  mit  dem 
gesamten  Puy  von  Arras,  indem  ich  sie  aber  schon  jetzt 
einheitlich  in  das  sprachliche  Gewand  kleide,  von  dem  ich 
denke,  dass  es  ihnen  zukomme,  und  will  nun  zunächst 
Adans  Canchons  und  Partures  veröffentlichen. 

Bevor  ich  nun  aber  an  meine  eigentliche  Arbeit  gehe, 
möchte  ich  noch  allen  denen  danken,  ohne  deren  Hilfe  es 
mir  niemals  möglich  gewesen  wäre,  die  Arbeit  auch  nur 
zum  Teile  fertig  zu  stellen:  zunächst  den  Herren,  bei  denen 
ich  von  Anfang  an  und  auch  noch  öfter  nachher  meine 
Erkundigungen  über  handschriftliche  Dinge  einzog  und  die 
mir  stets  bereitwilligst  in  der  liebenswürdigsten  und  schnellsten 
Weise  antworteten,  den  Herren  Professoren  Alfred  Jeanroy 
zu  Toulouse  und  Paul  Meyer  zu  Paris  und  dem  freundlichen 
Präfekten  der  Pariser  Arsenalbibliothek  Herrn  Henry  Martin, 
dann  den  Herren,  die  so  opferwillig  und  gütig  waren,  mir 
Abschriften  von  Handschriften  anzufertigen  oder  angefertigt 
zu  überlassen  wie  auch  mir  solche  zu  vermitteln,  den 


Herren  Msgr.  Isidoro  Carini,  dem  inzwischen  verstorbenen, 
immer  gleich  hilfsbereiten  und  in  wohlthuender  Weise  ge- 
fälligen Präfekten  der  Vatikanischen  Bibliothek,  Michel 
Deprez,  dem  sachkundigen  Conservateur  du  Departement 
des  imprime's  an  der  Pariser  Bibl.  Nat.,  Ernesto  Monaci,  dem 
in  den  Kreisen  der  Romanisten  so  vorteilhaft  bekannten  Ver- 
treter ihrer  Wissenschaft  an  der  Universität  zu  Rom,  und 
seinem  Bruder  Alfredo  Monaci,  den  beiden  archivisti-paleo- 
grafi  Giuseppe  Arsenio  und  Dott.  Romolo  Brigiuti  zu  Rom, 
dem  archiviste-paleographe  Leon  Pajot  zu  Paris,  George 
Parker,  dem  Paläographen  an  der  Bodleianischen  Bibliothek 
zu  Oxford,  und  seiner  gelehrten  Tochter  und  schliesslich 
Auguste  Wicquot,  dem  Bibliothekare  an  der  Stadt-  und 
Akademiebibliothek  zu  Arras,  der  Geburtsstadt  unseres 
Dichters.  Dem  französischen  Kultusministerium  danke  ich 
insbesondere  für  die  freundliche  Zulassung  der  Ueber- 
sendung  der  Arraser  Hs.  nach  Paris  zu  einer  Zeit,  wo  ich 
noch  ratlos  war,  an  wen  ich  mich  in  Arras  behufs  einer 
Abschrift  wenden  sollte.  Einen  ganz  besonderen  Dank 
muss  ich  auch  Herrn  Professor  Emile  Freymond  zu  Bern 
für  die  ausserordentlich  grosse  Liebenswürdigkeit  aus- 
sprechen, vermöge  deren  er  mir  zu  meiner  freudigsten  Ueber- 
raschung  aus  der  fragmentarischen  Partürenhs.  der  Berner 
Stadtbibliothek  A  95  nicht  bloss  die  beiden  erbetenen 
Partürenstücke  Adans,  sondern  auch  alles  übrige,  was  sie 
enthielt,  und  was  mir  die  Anregung  zu  meiner  Sammlung 
von  Partüren  der  anderen  Puymitglieder  von  Arras  bot, 
persönlich  abschrieb! 

Danken  muss  ich  auch  den  Manen  meines  hochver- 
ehrten mir  stets  unvergesslichen  Lehrers  Professor  Julius 
Zupitza,  welcher  mir  mit  der  an  ihm  allgemein  bekannten 
Liebenswürdigkeit  eine  Abschrift  der  Kanzonen  Adans  in 
der  Oxforder  Hs.  Douce  308  durch  Herrn  G.  Parker,  den- 
selben, der  mir  vor  kurzem  auch  die  reichhaltige  Partüren- 
sammlung  dieser  Hs.  kopiert  hat,  besorgte,  und  welcher 
mir  den  freundlichen  und  nützlichen  Rat  gab,  mich  nicht 
mit  einer  Kollation  zu  begnügen!  Danken  muss  ich  den 
Manen  Professor  Eduard  Schwans,  dessen  fleissige  und  sorg- 
fältige Abschriften  altfranzösischer  Liederhandschriften  von 


ihm  selbst  niemals  in  der  ihm  so  kurz  bemessenen  Lebens- 
frist ausgenutzt  worden  sind,  mir  aber  durch  (lie  gütige 
Vermittelung  des  Herrn  Professor  D.  Behrens  und  der 
Mutter  des  Verstorbenen  von  der  Grossherzogl.  Universitäts- 
bibliothek zu  Giessen  leihweise  überlassen  eine  treffliche, 
wenn  auch  bisweilen  erst  durch  meine  Abschriften  oder 
Neukollation  selbst  zu  korrigierende  Kollation  für  ver- 
schiedene Hss.,  besonders  für  diejenige  von  Arras  dar- 
boten. 

Zum  Schlüsse  drängt  es  mich,  auch  hier  noch  einmal 
zwei  Gelehrten  gegenüber,  zu  denen  ich  stets  als  unerreich- 
baren Vorbildern,  meinen  Lehrern  und  Führern  in  der 
Wissenschaft,  in  tiefster  Ehrfurcht  emporgeschaut  habe, 
meiner  Dankbarkeit  Ausdruck  zu  geben.  Da  dräugt  es 
mich  zunächst  Herrn  Professor  Dr.  Adolf  Tobler  zu  Berlin 
für  das  mir  bei  allen  meinen  Studien  fortgesetzt  bewiesene 
freundliche  Wohlwollen,  für  das  Interesse,  welches  er  auch 
dieser  Arbeit  die  Reihe  der  Jahre  hindurch  in  unverück- 
barer  Treue  und  geduldiger  Liebe  entgegeugebracht  und 
bis  vor  kurzem  erhalten  hat,  und  für  die  gütige  Förderung, 
die  er  ihr  in  so  vielen  Punkten  mittelbar  und  unmittelbar 
hat  zu  Teil  werden  lassen,  meinen  herzinnigsten  und  tief- 
gefühltesten Dank  auszusprechen  und  ihn  recht  herzlich  zu 
bitten,  wenn  diese  Arbeit  trotz  der  langen  Dauer  und  viel- 
seitigen Förderung  besonders  in  diesem  ersten  Teile  nur 
so  bescheidene  Früchte  zeitigt,  ihre  Schwächen  aus  der 
Unerfahrenheit  eines  Anfängers  und  aus  der  verhältnis- 
mässig kurzen  Zeit,  die  ihn  bei  der  Konzeption  dieses 
ersten  Teiles  drängte,  erklären,  denselben  mit  Nachsicht 
beurteilen  und  das,  was  dem  grossen  Forscher  selbst,  wie 
bereits  erwähnt,  bei  der  Abfassung  des  sprachlichen  Teiles 
seines  hier  schon  so  oft  herangezogenen  genial  angelegten 
Meisterwerkes  der  ersten  Periode  seiner  Thätigkeit,  das 
er  mir  selbst  eiumal  in  seiner  Bescheidenheit  als  sein 
„Schmerzenskind"  bezeichnete,  dereinst  vorschwebte,  erst 
recht  auf  den  vorliegenden  vielleicht  etwas  kühnen  ein- 
fachen Erstlingsversuch  in  allen  seinen  Teilen  anwenden 
zu  wollen:  „Man  soll  den  Versuch  um  der  Möglichkeit 
des  Fehlens  willen  nicht  unterlassen!";  denn  „mieux  vaut 


se  tromper  en  cherchant  la  v6rit6  que  de  se  cacher  dans 
un  silence  inutile!" 

Doch  mindestens  gleiche  Dankbarkeit  schulde  ich 
Herrn  Professor  Dr.  Hermann  Suchier  zu  Halle,  der  sich 
der  mühevollen  und  undankbaren  Arbeit,  dies  Buch  im 
Manuskripte  zu  rezensieren  und  zu  korrigieren,  mit  einer 
Dienstbereitschaft,  die  einer  besseren  Sache  würdig  gewesen 
wäre,  unterzogen  und  mir  dabei  in  seiner  grossen  Güte 
und  Liebenswürdigkeit  einige  wertvolle,  dann  hier  mit  seinem 
Namen  bezeichnete  Beiträge  zu  meinen  Anmerkungen  wie 
zu  den  anderen  Teilen  geliefert  hat. 


Verzeichnis  der  19  Handschriften  der  canchons 
und  partnres  von  Adan  de  le  Haie. 

(Die  Bezeichnungen  der  Hss.  stammen  aus  Gaston 
Raynauds  Bibliographie  des  Chansonniers  francais  des  XIH 
et  XIV  siecles,  soweit  sie  wenigstens  in  dieser  bereits  vor- 
kommen, und  sind,  soweit  es  sich  um  neue  Bezeichnungen 
handelt,  im  Anschlüsse  an  Raynaudsche  und  mit  Rücksicht 
auf  ähnliche  Bezeichnungen  solcher  Hss.  gewählt,  die  ledig- 
lich andere  Werke  Adans  als  canchons  und  partures  bringen). 

1.  A  =  Bibliotheque  communale  d' Arras  657  (früher 
139).  Ein  diplomatischer  Abdruck  der  sechs  Kanzonen 
Adans  aus  dieser  Hs.  findet  sich  in  den  M&noires  de  l'Aca- 
demie  d'Arras  XXVIII  (1856),  XXIX  (1857)  und  XXX 
(1858).  Eine  sorgfältige  Kollation  dieser  Abdrucke  mit 
der  nach  Paris  gesendeten  Hs.  besorgte  mir  L.  Pajot,  der 
mir  ebenso  die  in  dieser  Hs.  aufbewahrten  Partüren  unseres 
Dichters  abschrieb.  Eine  Abschrift  von  Partüren  anderer 
Mitglieder  des  Puy  von  Arras  aus  dieser  Hs.  bekam  ich 
später  durch  den  arrasischen  Gelehrten  Aug.  Wicquot.  Siehe 
auch  bei  Raynaud  1 1 ;  bei  Schwan,  altfranzösische  Lieder- 
handschriften S.  52  ff.  ebenfalls  mit  A  bezeichnet,  ebenso 
bei  Coussemaker  S.  XXX.  Dass  die  in  Arras  befindliche 
Hs.  A  wirklich  in  Arras  niedergeschrieben  sei,  möchte  ich 
nicht  schlechthin  behaupten,  wiewohl  ich  mich  dieser  An- 
sicht nach  reiflicher  Erwägung  nicht  erwehren  kann!  Denn 


—    10  - 


zu  bedenken  ist  es  allerdings,  dass  unsere  Hs.  A  zwar  oft, 
auch  ausserhalb  des  Reimes,  aber  doch  nicht  überall  rein 
arrasische  Sprachformen  enthält,  sondern  bisweilen  solche 
aus,  wenn  auch  nicht  ganz  entlegenen,  so  doch  etwas  weiter 
abliegenden  Mundarten,  gerade  im  Gegensatze  zu  der  bereits 
genannten  grossen  Sammelhs.  B.  N.  375,  die  das  Muster  einer 
arrasischen  und  in  der  Mundart  von  Arras  niedergeschrie- 
benen Hs.  ist  und  von  Perot  de  Neele1)  in  Gemeinschaft 
mit  unseres  Dichters  Neffen  Jean  Madot  le  Bockup)  kopiert  ist 
—  vgl.  meine  späteren  Ausführungen  zu  Canchon  XXXV  — . 
Unsre  Hs.  A  nun,  von  der  wir  ausgingen,  ist  von  Jean  dJ  Amiens 
le  Petit  geschrieben.  Ein  Jehns  Ii  Petis,  clers  ist  nach  der 
Angabe  des  Schreibers  der  Hs.  Vat.  1490  der  Verfasser 
eines  im  Puy  —  offenbar  in  dem  von  Arras  —  preisge- 
krönten Liedes  —  Rayn.  1175  — ,  das  ein  ebenso  an- 
fangendes bekanntes  Lied  von  Guillaume  de  Betune  an  die 
Jungfrau  Maria  —  Rayn.  1176,  jetzt  bei  A.  Wallensköld 
S.  286 — 288  —  weltlich  travestieren  sollte  —  vgl.  Metrisches 
zu  Canchon  XVI  — .  Man  braucht  aber  m.  E.  kaum 
zu  zweifeln,  dass  auch  der  von  A.  Tobler,  vr.  an.  S.  X  im 
übrigen  als  „ganz  unbekannt"  bezeichnete  Jeans  Petis 
cfAras,  welcher  nach  dem  mehr  nordöstlichen  wallonischen 

1)  Perot  de  Neele  verfasste  auch  selbständig  ein  schon 
mehrfach  herausgegebenes  Lied  an  die  heilige  Jungfrau,  Rayn. 
2113,  und  beteiligte  sich  weiter,  auch  Peron  de  Neele  und  Perin 
genannt,  an  zwei  bisher  noch  unedierten  aus  dem  Puy  von  Arras 
hervorgegangenen  Partüren  —  Rayn.  942  und  Rayn.  596  —  als 
allocutor  und  interlöcutor,  ferner  wird  er  in  den  Partüren  Rayn. 
295  —  bisher  unediertes  Unikum  von  Rl  —  und  Rayn.  1282  von 
den  arrasischen  Puygenossen  Lanbevt  Feri  und  Ricart  de  Dargies 
als  Richter  angerufen. 

2)  Dass  mit  den  Worten  Jeans  Ii  Bochus,  Artisiem,  wie 
mau  dann  zu  schreiben  hätte,  in  der  allegorischen  Dichtung  Songe 
d'enfer  des  Raoul  de  Houdenc  nicht  unser  Jean  Madot  le  Bochu 
d'Aras  gemeint  ist  —  vgl.  ed.  A.  Scheler,  trouv.  beiges  II  183 
u.  Anm.  — ,  obwohl  wir  in  der  That  von  ihm  Aehnliches,  wie 
hier  erzählt  wird,  wissen  und  ihn  als  einen  Spieler  zu  Paris 
kennen,  ist  schon  darum  unmöglich,  weil  Raoul  um  etwa  ein  Jahr- 
hundert früher  als  dieser  gelebt  hat.  Richtig  scheint  es  mir 
aber ,  diesem  Jean  Madot  das  pseudoadam'sche  Giu  dou  pelerin 
nebst  den  Interpolationen  des  echten  Gin  de  Robin  et  de  Marion 
zuzusprechen. 


—  11  — 


Schreiber  der  Hs.  B.  N.  25566  (Pbi«)  fol.  273  der  Ver- 
fasser des  dit  Li  honeurs  (arrasisch:  enours)  et  Ii  verlas 
das  dames  —  vgl.  A.Tobler,  vi-,  an.  S.IX  und  A.  Rambeau, 
Adam  de  la  Haie  S.  4  —  ist,  mit  diesem  Jean  d?  Amiens 
le  Petit  wie  auch  natürlich  mit  Jean  le  Petit,  clerc  zu- 
sammenfalle. Es  ist  dies  lehrreich  für  die  oft  umstrittene 
Frage  der  Art  und  Weise  der  lokalen  Namenbeilegung;  Jean 
le  Petit,  der  offenbar  in  Amiens  geboren  ist  oder  wenigstens 
von  einer  Familie  aus  Amiens  stammt,  sich  aber  in  seinem 
späteren  Leben  dauernd  in  Arras  niedergelassen  und  hier 
seine  Wirksamkeit  entfaltet  zu  haben  scheint,  nennt  sich 
selbst  in  Arras  als  Schreiber  der  Hs.  A  Jeans  d'Amiens  Ii 
Felis  zum  Unterschiede  von  anderen  in  Arras  lebenden 
Namensvettern,  deren  es  hier  gewiss  viele  gab,  ist  aber 
für  den  fern  von  Arras  im  wallonischen  Gebiete  lebenden 
Schreiber  der  Hs.  Pbi6  (25566)  ein  Jeans  [Ii]  Pelis  d'Aras.1) 


*)  So  findet  sich  denn  auch  unser  Dichter  Adan  in  Arras 
selbst  oder  von  Arrasern  niemals  Adans  d'Aras  genannt;  wenn 
Man  le  Petit  d'Aras  in  der  Hs.  A,  also  von  Arras  aus,  die  Lieder 
nnsres  Dichters  mit  Adam  Ii  Boens  $  Arras  überschreibt,  so 
ist  das  erstlich  vom  Standpunkt  des,  wie  wir  gesehen  haben, 
wohl  nicht  in  Arras  geborenen  Schreibers  aus,  und  dann  giebt 
derselbe,  gewissermassen  im  Gegensätze  zu  des  Dichters  bürger- 
lichen Namen,  seinen  für  Leser  m  ganz  Frankreich  auch  ausser- 
halb der  Heimatstadt  bestimmten  Autorennamen.  Da,  wo  ich 
unseren  Dichter  sonst  von  Mitbürgern  genannt  gefunden  habe, 
wird  er  schlechtweg  Maistre  Adan  de  le  Haie  genannt  —  so 
in  der  Partüre  Rayn.  87 1 ,  einem  Unikum  von  R1,  das  ebenfalls 
in  meiner  noch  zu  veröffentlichenden  Partürensammlung  zu  lesen 
sein  wird,  wo  er  von  dem  Menestrel  Copart  Douchet,  der  sich 
als  Angegriffener  ffegen  den  selbständigen  Dichter  Mobert  dou 
Castel  le  Clerc ,  nach  der  Berner  Hs.  Robert  de  le  Piere,  in  der 
Debatte  zu  verteidigen  hat,  als  Richter  angerufen  wird  —  oder 
auch  bloss  Maistre  Adan  —  so  in  der  von  Paul  Mever  offenbar 
mit  Unrecht  unserem  Dichter  zugeschriebenen,  vielmehr  von 
einem  anderen  arrasischen  Puyinitgliede  herrührende  Kan- 
zone  I  meines  Anhanges,  Rayn.  755,  VI  1,  und  sogar  ohne  jeden 
Zusatz  Adan  in  einer  zweiten  Partüre  meiner  Sammlung, 
Hayn.  298,  wo  er  von  Lanbert  Feri  angerufen  wird.  Keinesfalls 
ist  mit  dem  letzteren  Adan  der  ebenfalls  in  Arras  dichterisch 
thätige  Adan  de  Givenchi  gemeint,  dessen  stehender  Beiname  in 
Arras  von  dem  in  der  Nähe  befindlichen  Givenchi,  dem  Stamm- 
orte der  Familie,  hergenommen  ist,  während  unser  Adan  hier, 


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—    12  — 


Wir  sehen  also,  dass  Jean  le  Petit  d'Aras  beziehungsweise 
(? Amiens  zwar  während  der  Dauer  seines  Lebens  in  Arras 
thätig  gewesen  ist  und  wohl  auch  im  Puy  dieser  Stadt  mit 
Auszeichnung  mitgewirkt  hat,  eine  Ansicht,  der  auch  Ed. 
Schwan  in  seinen  „Altfranzösischen  Liederhandschriften" 
S.  242  mehr  einem  blossen  Gefühle  als  irgendwelcher 
exakten  Beweisführung  zufolge  gehuldigt  hat,  dass  er  aber 
im  Gegensatze  zu  Jean  Madot,  der  dem  altarrasischen  Ge- 
schlechte der  Bochu  oder  de  le  Haie  angehört,  und  Perot, 
der  seinen  Beinamen  von  dem  dicht  bei  Arras  gelegenen 
Neele  bekommen  hat,  kein  Alt-  und  Vollblutarraser  ge- 
wesen ist,  sondern  seinen  Ursprung  aus  Amiens  ableitet. 
Trefflich  stimmen  hiermit  die  Abweichungen  der  mund- 
artlichen Färbung  unserer  „auch  arrasischen"  Hs.  A  von 


wenn  ihm  von  Arrasern  ein  örtlicher  Beiname  beigelegt  wird, 
nach  der  erblichen  Wirkungsstätte  seiner  Familie,  der  „Schöffen- 
halle", d.  h.  dem  Sitzungssaale  —  vgl.  die  afrz.  und  besonders 
auch  die  ital.  Bedeutung  des  betreffenden  Wortes  bei  F.  Diez, 
Et.  Wbch.  II  c  s.  v.  halle  —  der  Schöffen  im  alten  Rathause,  wo 
wir  nach  Arraser  Urkunden  Jahrhunderte  vorher  und  nachher 
Männer  mit  dem  Beinamen  de  le  Haie  d.  h.  „von  der  Gerichts- 
halle, Gerichtslaube"  als  Schöffen  thätig  sehen,  genannt  wird.  In 
einer  Dichtung  aber,  die  Adan  aus  der  Fremde  von  Karl  von 
Anjous  Hof  lager  in  Neapel  in  die  Welt  sendet,  in  dem  fragmen- 
tarischen Epos  Roi  de  Sezile  finden  wir,  dass  sich  der  Dichter 
selbst  Adans  d'Aras  nennt  —  Str.  IV,  V.  9,  ed.  de  Coussemaker 
S.  285  — .  Auf  Grund  dieser  Ausführungen  kann  auch  ich  nicht 
J.  Bediers  aus  des  Dichters  Namen  hergeleiteten  Einwand  gegen 
meines  Freundes  Philipp  Simon  Annahme,  dass  Jacques  d' Amiens 
sich  dauernd  in  Amiens  aufgehalten  habe,  gelten  lassen,  da  ihn 
in  einer  offenbar  für  weitere  Kreise  auch  ausserhalb  der  Stadt 
Amiens  bestimmten  Partüre  der  im  Gegensatze  zu  ihm  stets  auf 
der  Wanderschaft  begriffene  Heimatsgenosse  Nicolas  Mouset, 
welche  Form  ich  für  Nicolas  (Colin)  Muset  mit  Zustimmung  von 
Alfred  Risop,  Archiv  (1897)  99,194  bei  Ph.  Simon,  Jacques 
d' Amiens,  Berl.  Beitr.  IX,  S.  71  nachtragsweise  zu  S.  9,  Z.  5  ff. 
eingeführt  habe,  sehr  wohl  Jakes  d' Amiens  nennen  kann,  erst 
recht  ebenso  die  Abschreiber  seiner  Dichtungen,  die  durchaus 
nicht  immer  bloss  Amiens  angehören,  aber  auch  schliesslich,  wie 
Ph.  Simon  in  seiner  diesem  Dichter  geltenden  Monographie  S.  72 
annimmt,  ihr  Verfasser  selbst  dieselben  sehr  wohl  unter  dem 
Autornamen  eines  „Jacob  aus  Amiens  *  in  die  weite  Welt  senden 
kann ! 


—    13  — 


der  mustergiltig  rein  „arrasischen  Färbung"  der  grossen 
Sammelhandschrift  der  Menestrels  Jean  Madot  und  Per ot 
de  Neele  tiberein.  Bemerkenswert  ist  wohl  auch  die  litterar- 
historische  Thatsache,  dass  wir  es  in  den  beiden  Schreibern 
der  einen  wie  in  dem  der  anderen  Hs.  mit  gebildeteren 
Männern  zu  thun  haben,  die,  wenn  auch  nicht  selbständige 
Trouveres,  so  doch  die  Menestrels  oder  Jougleres  von 
solchen  gewesen  zu  sein  scheinen  und,  wenn  auch  nicht 
regelmässig,  so  doch  ab  und  zu  neben  ihrer  reproduktiven 
Thätigkeit  als  Kopisten  und  vortragende  Sänger  die  pro- 
duktive selbständiger  Dichter  oder  wenigstens  die  von 
Teilnehmern  an  Partüren  ausgeübt  haben. 

2.  B2  =  Stadtbibliothek  zu  Bern  389,  s.  auch  G. 
Raynaud  I  S.  5,  bei  Ed.  Schwan  S.  173  ff.  mit  C  bezeichnet, 
von  E.  de  Coussemaker  übersehen.  Die  Wiedergabe  des 
einen  Liedes  von  Adan,  das  sie  enthält,  unserer  CanchonXVI, 
finden  wir  in  dem  bekannten  diplomatischen  Abdrucke 
dieser  lothringischen  Hs.  von  Jul.  Brakelmann,  Arch.  43, 
291—292,  wozu  Gröber  und  Lebinski,  Zs.  f.  rom.  Ph.  III  56 
eine  Kollation  geben. 

3.  B3  =  Stadtbibliothek  zu  Bern  A  95,  kleine  Samm- 
lung ausgewählter  Stücke  von  Partüren  des  Puy  von  Arras, 
von  Ed.  Schwan  in  seiner  Recension  von  G.  Raynauds 
Bibliographie,  Litter aturblatt  VI  366  auch  nach  ihrem  In- 
halte beschrieben  und  hier  wie  in  seinen  Liederhandschriften 
S.  59  ff.  mit  c  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  nicht  anders 
als  von  Raynaud  übersehen.  Herr  Professor  E.  Freymond 
hatte,  wie  gesagt,  die  Güte,  mir  hieraus  nicht  nur  das 
Wenige  vom  Eigentume  Adans,  das  wir  an  12.  und  13.  Stelle 
finden,  sondern  die  ganzen  Partttrenfragmente  abzuschreiben, 
die  auch  alle  nach  dieser  Version  in  den  Varianten  der 
Partüren  meiner  später  erscheinenden  Sammlung  vertreten 
sein  werden. 

4.  Mp2  —  Bibliotheque  de  l'Ecole  de  m^decine  de 
Montpellier  236,  ebenfalls  eine  kleine  Blumenlese  von 
Stücken  der  verschiedensten  Gattungen  aus  dem  Puy  von 
Arras,  wohl,  ziemlich  gleichzeitig  mit  de  Coussemakers  Aus- 
gabe, R.  d.  1.  r.  HI  und  auch  separat  von  Anatole  Boucherie 
veröffentlicht,  welche  zwei  S.  325 — 329,  Separatausg.  S.  19 


—    14  — 


bis  23  gedruckte  Kanzonen  unsres  Dichters  enthält  und 
wohl  mehr  noch  im  Unterdialekte  von  Arras  selbst  als  in 
dem  eng  benachbarten  von  Aire,  für  den  sich  A.  Boucherie 
8.  314,  Separatausg.  S.  8  ausspricht,  geschrieben  ist.  Diese 
de  Coussemaker  und  Raynaud  unbekannt  gebliebene  Hg. 
trägt  bei  Schwan,  Liederhandschriften  S.  4  die  Bezeichnung  f, 
ohne  im  folgenden,  soweit  ich  sehe,  näher  behandelt  zu 
werden. 

5.  0  =  Bodleyan  library  at  Oxford,  Douce  308  — 
8.  auch  G.  Raynaud  I  S.  40  —  bei  Schwan  S.  194  ff  mit 
I  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  8.  XXXIV — XXXV  be- 
handelt. Diese,  wie  B2,  lothringische  Hs.  enthält  nicht 
bloss,  wie  man  bisher  meinte,  zehn1)  von  den  Kanzonen 
unsres  Dichters  in  meist  nur  ausgewählten  Strophen  in 
ihrer  ersten  Abteilung  Grans  Charts ,  sondern  bringt  in 
ihrer  fünften  Ballet  es  fol.  230,  nach  alter  Zählung  fol.  241, 
unter  Nr.  139  in  vollständiger  Gestalt  noch  eine  elfte  Kanzone, 
vgl.  weiter  unten  Allgemeines  zu  den  Canchons.  Unter  den 
zahlreichen  Partüren,  in  dieser  Hs.  Jeus  parlis  genannt,  der 
III.  Abteilung,  die  ich  mir,  ebenso  wie  die  Adan  zufallenden 
Kanzonen  aus  der  I.  und  V.  Abteilung,  von  George  Parker  und 
seiner  Tochter  Miss  Annie  J.  Parker  abschreiben  Hess,  und 
zwar  die  ersteren  zum  Gebrauche  für  die  nun  schon  mehrfach 
angekündigte  Partürensammlung  ausnahmslos,  ohne  ahnen 
zu  können,  dass  es  bereits  Ende  des  Jahres  1896  G.  Steffens 
zu  Bonn  vergönnt  sein  werde,  nachdem  er  bereits  im  Jahre 
1892  im  Archiv  mit  seinem  Abdrucke  der  Hs.  von  Siena 
Aufnahme  gefunden  hatte,  nun  auch  in  dieser  vornehmen 
Zeitschrift  diese  Hs.  in  ihrem  gesammten  Umfange  ab- 
drucken zu  dürfen,  ohne  dass  er  allem  Anscheine  nach 
jetzt  zum  Schlüsse  des  Abdruckes  irgendwelche  Anstalten 
macht,  die  hierfür  gleich  zu  Anfang  versprochene  Abhand- 
lung hinzuzufügen,  —  unter  diesen  zahlreichen  Partüren 
in  meist  fragmentarischer  Ueberlieferung  findet  sich,  wie 


*)  Coussemaker  nennt  a.  a.  0.  fälschlich  seine  und  unsere 
Nr.  6  statt  der  entsprechenden  Nr.  5  und  tibergeht  unsre  Nr.  34 
(==  Rayn.  1599)  überhaupt,  weil  er  sie  nicht  als  Eigentum  unsres 
Richters  erkannt  hat! 


—    15  — 


ich  es  von  vornherein  durchaus  nicht  för  ausgeschlossen 
hielt,  soweit  ich  es  jetzt  ubersehen  kann,  nicht  ein  einziges 
Partürenfragment  von  Adan. 

6.  Pb3  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  844,  früher  7222,  siehe 
auch  G.  Raynaud  I,  S.  78,  bei  Ed.  Schwan  S.  19  ff.  mit  M 
bezeichnet;  de  Coussemaker  hat  diese  Hs.,  die  von  unsres 
Dichters  Bestände  nur  eine  Partüre  (Nr.  XII),  und  zwar  in 
Uebereinstimmung  mit  P&11,  unter  den  Erzeugnissen  des 
Sire  Adans  de  Givenci  bringt  (ed.  de  Coussemaker  S.  182 
bis  184)  übersehen.  Eine  Kollation  dieser  Partüre  zwischen 
unserem  Dichter  und  dem  Prinche  des  Puy  zu  Arras 
Jean  Bretel  mit  den  entsprechenden  Texten  der  anderen 
drei  Hss.  der  Bibl.  Nat.  und  dem  bei  de  Coussemaker 
S.  182 — 184  gegebenen  Texte  lieferte  mir  L.  Pajot. 

7.  Pb5  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  846,  früher  72223, 
Cange*  66,  s.  auch  G.  Raynaud  I,  S.  110,  bei  Ed.  Schwan 
S.  119  ff.  mit  0  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  S.  XXX 
behandelt.  Es  ist  Schwan  S.  225  entgangen,  diese  Hs.  mit 
der  Hs.  0,  die  in  ihrer  ersten  Abteilung  bis  auf  ein  ein- 
ziges Lied,  für  welches  sie  zwei  andere  bringt,  dieselben 
Lieder,  und  zwar  auch  nur  in  der  Auswahl  der  ersten 
Strophen,  mit  ganz  ähnlichen  Zügen  der  Gruppierung  auf- 
weist, in  seiner  Stammtafel  zusammenzustellen,  wiewohl  er 
selbst  hier  zwischen  I  —  d.  h.  unserem  0  —  und  Th  — 
d.h.  unserem  Pb11  —  noch  eine  engere  Vorlage  als  R3 
—  d.  h.  unser  Pb8  —  vermisst!  Diese  engere  Vorlage 
liefert  grade  unsre  Hs.  Pb&,  die  E.  Schwan  S.  119  ff.  0 
nennt  und  er  hier  mit  Beziehung  auf  andere  Trouveres 
nur  mit  der  Hs.  Pb4  —  bei  ihm  N  genannt  —  zusammen- 
zustellen weiss!  Die  Kollationen  der  Hs.  Pb5  für  die  ent- 
sprechenden Kanzonen  bekam  ich  von  L.  Pajot. 

8.  Pb6  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  847,  früher  7222*, 
Cange*  65,  s.  auch  G.  Raynaud  I,  S.  123,  bei  Ed.  Schwan 
S.  87  und  223  ff.  mit  Ph  bezeichnet,  von  de  Coussemaker 
S.  XXX  behandelt.  Die  Kollationen  für  die  entsprechenden 
Kanzonen  und  die  eine  in  dieser  Hs.  erhaltene  Partüre 
lieferte  mir  ebenfalls  L.  Pajot. 

9.  Pb?  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  1109,  früher  7363,  s. 
auch  G.  Raynaud  I,  S.  137,  bei  Ed.  Schwan  S.  223  ff.  mit 


—    16  — 


Q  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  S.  XXX  behandelt.  Die 
Kollationen  für  die  entsprechenden  Kanzonen  und  die  hier 
allein  neben  Pb16  in  erheblicher  Anzahl  erhaltenen  Parttiren 
stammen  ebenfalls  von  dem  zuletzt  wiederholt  genannten 
Kopisten. 

10.  Pbs  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  1591,  früher  7613, 
s  auch  G.  Raynaud  I,  S.  139,  bei  Ed.  Schwan  S.  159  ff.  mit 
R3  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  übersehen.  Meine 
Kollationen  für  die  entsprechenden  canchons  verdanke  ich 
L.  Pajot. 

11.  pbn  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  12615,  siehe  auch 
6.  Raynaud  I,  S.  153,  bei  Ed.  Schwan  S.  21  und  223  ff  mit 
Th  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  S.  XXX  und  XXXI  be- 
handelt. Die  Kollationen  für  die  entsprechenden  Kanzonen 
und  die  eine  Partüre  dieser  Hs.,  welche  dieselbe,  wie  die 
oben  unter  Nr.  6  gelegentlich  der  Hs.  Pb3  erwähnte,  ist 
und  hier  ebenso,  wie  dort,  unsres  Dichters  adligem  Puy- 
genossen  und  Namensvetter  Sire  Ad  ans  de  Givenchi  zu- 
geschrieben wird,  lieferte  mir  wieder  L.  Pajot. 

12.  Pbi2  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  20050,  früher  Saint 
Germain,  fonds  francais  1989,  8.  auch  G.  Raynaud  I,  S.  172, 
bei  Schwan  S.  181  ff.  mit  U  bezeichnet,  von  de  Coussemaker 
übersehen.  Die  Kollationen  für  die  zwei  Kanzonen,  die 
diese  Hs.  von  Adanschen  Erzeugnissen  allein  enthält,  sandte 
mir  ebenfalls  L.  Pajot;  eine  persönliche  Nachprüfung,  die 
mich  von  der  Gewissenhaftigkeit  und  Zuverlässigkeit  seiner 
Arbeiten  überzeugte,  wurde  mir  durch  das  i.  J.  1892  er- 
schienene von  Paul  Meyer  und  Gaston  Raynaud  für  die 
Socie'te'  des  anciens  textes  francais  (Nr.  32)  besorgte  Facsi- 
mile  dieser  Hs.  ermöglicht. 

13.  Pb"  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  24406,  früher  2719, 
fonds  La  Valliere  Nr.  59,  s.  auch  G.  Raynaud  I,  S.  186, 
bei  Ed.  Schwan  S.  108  ff.  mit  V  bezeichnet,  von  de  Cousse- 
maker S.  XXX  behandelt.  Die  Kollation  der  sieben  in 
Betracht  kommenden  Kanzonen  besorgte  mir  L.  Pajot 

14.  Pbi&  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  25566,  lre  partie, 
s.  auch  G.  Raynaud  I,  S.  198,  bei  Ed.  Schwan  S.  223  ff. 
mit  W1  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  neben  der  fol- 
genden übersehen.    Beide  Hss.  kollationierte  mir  L.  Pajot 


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—    17  — 


auf  das  sorgfaltigste  mit  den  Coussemakerschen  Texten, 
wobei  sich  für  die  folgende  sehr  viele  Fehler  in  den  An- 
gaben de  Coussemakers  herausstellten.  Für  die  Hs.  Pbl* 
kam  nur  eine  beschränkte  Anzahl  Kanzonen  (14)  als  Eigen- 
tum Adans  in  Betracht 

15.  Pbi«  =  Bibl.  Nat.  ä  Paris  25566,  früher  2736, 
fonds  La  Valliere  Nr.  81  als  zweiter  Teil  des  Kodex,  der 
auch  die  vorige  Hs.  enthält,  ist  offenbar  bestrebt  gewesen, 
möglichst  die  sämtlichen  Werke  unsres  Dichters  zu  bringen 
und  enthält  bei  weitem  das  Meiste  und  Mannigfaltigste  von 
den  Erzeugnissen  seiner  Muse  unter  ihnen  allen,  weshalb 
allein  sie  auch  von  E.  de  Coussemaker  seiner  Ausgabe  in 
allen  ihren  Teilen  zu  Grunde  gelegt  worden  ist,  vertritt 
aber  durchaus  nicht  immer  die  beste  Ueberlieferung  und 
bleibt  auch  hinter  dem  sich  selbst  vorgesteckten  Ziele  bis- 
weilen zurück,  s.  auch  G.  Raynaud  I  S.  199,  bei  Ed.  Schwan 
S.  223  ff.  mit  W*  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  S.  XXVIII 
und  XXIX  behandelt,  aufs  ausführlichste  beschrieben  von 
A.  Tobler  in  der  Einleitung  seiner  Ausgabe  des  Dit  dou 
vrai  anel,  das  wir  allein  aus  dieser  Hs.  kennen,  S.  III — X, 
und  dann  noch  einmal  von  A.  Rambeau,  Adam  de  la  Haie, 
S.  3  ff,  wo  sie  mit  P  bezeichnet  wird.  Betreffs  der  Kol- 
lationen der  Canchons  und  Partures  sehe  man  unter  Nr.  14. 

16.  Pb»s  =»  Bibl.  Nat.  ä  Paris  24432,  früher  Notre 
Dame  192,  eine  Handschrift,  die  die  Kanzonen  12  und  25 
vollständig,  20  mit  vier  Strophen,  1,  2,  11  und  30  mit  je 
einer  Strophe  als  Einlagen  des  Dit  de  la  Panthkre  d'Amours, 
einer  altfranz.  Dichtung  aus  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts 
von  Nicole  de  Margival,  bietet  und  in  der  einzigen  Aus- 
gabe vom  Jahre  1883,  die  dasselbe  bisher  gefunden  hat, 
vom  Herausgeber  Henry  Alfred  Todd  mit  A  bezeichnet 
worden  ist.  Obgleich  Paulin  Paris  bereits  i.  J.  1856  (Hist. 
litt.  23,  730  und  732)  auf  diese  Thatsache  in  ihrer  All- 
gemeinheit aufmerksam  gemacht  hat,  so  ist  doch  die  vor- 
liegende Hs.  ebenso,  wie  die  gleich  folgende  gleichartige, 
die  ebenfalls  diese  Dichtung  darbietet,  einem  Raynaud, 
Schwan  und  de  Coussemaker  entgangen.  Der  Wert  dieser 
beiden  Handschriften  für  die  Konstituierung  des  Textes  ist 
freilich  ein  sehr  geringer,  weil  ihre  Schreiber  unserem 


2 


—    18  — 


Dichter  wie  auch  den  anderen  Kopisten  seiner  Kanzonen 
weder  räumlich  noch  zeitlich  nahe  genug  stehen. 

17.  Pe  =  Hermitagebibliothek  zu  Petersburg  53,  die 
andere  Handschrift,  in  der  das  Dit  de  la  Panthere  d'Amours  er- 
halten ist,  und  die  die  eben  unter  Nr.  16  bezeichneten  Lieder 
unseres  Dichters  an  den  gleichen  Stellen  dieser  Dichtung 
bietet,  von  Todd  mit  B  bezeichnet.  Vgl.  im  übrigen  Nr.  16. 

18.  Rl  =  Bibl.  Vaticana,  fundus  Reginae  Christinae 
1490,  s.  auch  G.  Raynaud  I,  S.  219,  bei  E.  Schwan  8.  52ff. 
und  224  ff.  mit  a  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  S.  XXXIV 
behandelt  ;  sie  ist  durch  etwas  ähnliches  wertvoll,  wie  Pb16, 
nämlich,  dass  sie  Dichtungen  Adans  aus  allen  Gattungen 
enthält,  und  so  die  von  A.  Jeanroy  herausgegebenen  „Ver 
d'Amours"  (Dit  d'Amour)  allein  neben  Pb16,  das  A.  Jeanroy 
mit  A  gegenüber  B  für  unser  Rl  bezeichnet,  und  das  Giu 
Adan  neben  Pb16  (bei  A.  Rambeau  P,  während  derselbe 
unser  Rl  mit  V  bezeichnet)  und  noch  einer  Hs.  der  Bibl. 
Nat.  allein  bringt.  —  Das  R1  fol.  55  v°  als  Kanzone  ge- 
brachte, nach  Pb16  bei  de  Coussemaker  8.  219  unter  den 
Rondeaux  gedruckte,  auch  von  Ed.  Schwan,  Liederhand- 
schriften 8.  224  unter  die  „Lieder"  gestellte  Dame,  or 
sui  träis  ebenso,  wie  das  hier  fol.  93  v°  gleich  aufgefasste, 
bei  de  Coussemaker  S.  270  nach  Pb16  unter  den  Motets  ge- 
druckte Je  n'os  a  m'am'ie  aler  habe  ich  nicht  über  mich 
gewinnen  können,  mit  dem  Schreiber  von  R1  unter  die 
Kanzonen  aufzunehmen  und  werde  ich  an  ihrer  alten  Stelle 
belassen.  —  Für  die  Kollation  dieser  wichtigen  und  noch 
dazu  von  einem  Arraser  geschriebenen  Hs.  mit  den  Kan- 
zonen und  Partüren  unsres  Dichters  wie  auch  mit  den 
Partüren  einiger  seiner  Puygenossen,  die  in  meine  in  Kurzem 
erscheinende  arrasische  Partürensammlung  Aufnahme  finden 
sollen,  habe  ich  im  Gegensatze  zu  französischen  Heraus- 
gebern nicht  ihre  in  der  Pariser  Arsenalbibliothek  auf- 
bewahrte Pariser  Abschrift  von  La  Curne  de  Sainte  Palaye, 
die,  wie  ich  an  den  in  seinem  Wörterbuche  gedruckten 
Stellen  derselben  gesehen  habe,  doch  nicht  annähernd  mit 
der  Genauigkeit  eines  philologischen  Abschreibers  unserer 
Zeit  gemacht  ist,  sondern  das  Original  zu  Rom  selbst  nutz- 
bar machen  können,  dadurch  dass  ich  in  dem  dortigen 


—    19  — 


Paläographen  Giuseppe  Arsenio,  den  mir  Msgr.  Isidoro 
Carini  empfahl,  einen  kundigen  und  gewissenhaften  Kopisten 
fand.  Freilich  sind  mir  dadurch  wohl  zugleich  manche 
gute  Auffassungen  und  Erklärungen  von  schwierigen  Stellen, 
an  denen  besonders  einige  von  jenen  Partüren  überaus 
reich  sind,  seitens  des  trefflichen,  vielleicht  oft  zu  sehr 
unterschätzten  französischen  „Romanisten"  des  vorigen  Jahr- 
hunderts, soweit  sie  sich  nicht  in  seinem  gedruckten  alt- 
französischen Wörterbuche  oder  hieraus  kritiklos  neben  ganz 
veralteten  und  stets  ohne  Angabe  der  Quelle  in  dem  F. 
Godefroys,  sondern  nur  in  den  handschriftlichen  Rand- 
bemerkungen seiner  Kopie  finden,  zum  Schaden  meiner 
Ausgabe  verloren  gegangen!  Doch  einzelne  Anfragen,  die 
ich  mir  in  Bezug  auf  Lacurnes  Hs.  an  den  Präfekten  der 
Arsenalbibliothek  zu  Paris  Herrn  Henry  Martin  zu  stellen 
erlaubte,  beantwortete  mir  derselbe  mit  einer  besonders 
dankenswerten  und  liebenswürdigen  Zuvorkommenheit,  Pünkt- 
lichkeit und  Gewissenhaftigkeit. 

19.  R2  =  Bibliotheca  Vaticana,  fundus  Reginae  Chri- 
stinae  1522,  s.  auch  G.  Raynaud  I,  S.  232,  bei  Ed.  Schwan 
S.  58  ff.  mit  b  bezeichnet,  von  de  Coussemaker  als  eine 
Hs.,  die  von  unseres  Dichters  poetischem  Nachlasse  an 
Kanzonen  und  Partüren  überhaupt  nur  ein  einziges  Stück 
bringt,  tibersehen.  Eine  Abschrift  der  in  ihr  enthaltenen 
Partüre  Adans  lieferte  mir  Alfredo  Monaci,  eine  nochmalige 
Kollation  derselben  mit  der  Hs.  Arsenio,  der  mir  auch  für 
meine  Partürensammlung  von  Puygenossen  Adans  manche 
Stücke,  zum  Teil  Unica,  ebenso,  wie  aus  der  vorhergehenden 
unter  Nr.  18  genannten,  aus  dieser  ebenfalls  von  einem 
Arraser,  wenn  auch  später,  angefertigten  Hs.  abschrieb. 


Les  canchons  maistre  Adan  de  le  Haie 


In  Pb6  finden  wir  die  Kanzonen  unsres  Dichters  ein- 
fach Adans  de  le  Haie  tiberschrieben,  in  Pb16  Chi  com- 
mencent  les  canchons  maistre  Adan  de  le  Haie,  anders 
in  den  wieder  unter  einander  verwandten  R1  und  A,  wo 


le  Bochu  d'Aras. 


2* 


wir  Adans  Ii  Boens  beziehungsweise  Adans  Ii  Bocus 
d'Arras  finden.  Pb11  zeigt  les  chancons  [que  fist]  Adans 
Ii  Bocus,  und  das  abseits  liegende  in  lothringischer  Mund- 
art geschriebene  B2  hat  über  dem  einen  Liede,  welches 
es  von  unserem  Dichter  erhalten  hat,  die  Ueberschrift  Adans 
le  Bosus  äAres,  Auf  Grund  dieser  sechs  Handschriften, 
die  allein  eine  Ueberschrift  für  diese  Dichtungsgattung 
Adans  bieten,  ist  die  obige  Ueberschrift  zu  Stande  gekom- 
men. Der  Verfasser  des  Dit  de  la  Panthere  d'Amours,  der 
unseren  Dichter  Adan,  clerc  Adan,  Adan  äArras  und  auch 
Adan  de  la  Haie  nennt,  gebraucht  für  die  von  ihm  ange- 
fahrten Kanzonen  desselben  den  Ausdruck  chans  und 
chans  royaus,  soviel  ich  sehe,  in  gleicher  Bedeutung,  aber 
offenbar  so,  dass  er  darunter  nur  seine  längeren  Lieder 
von  fünf  Strophen  —  ausschliesslich  einer  oder  mehrerer 
Geleitstrophen,  die  sie  zum  Schlüsse  haben  oder  auch  ent- 
behren können  —  versteht;  an  Liedern,  die  abgesehen  von 
dem  fakultativen  Geleite  drei  Strophen,  und  dann  manch- 
mal mit  Refrain,  aufweisen,  hat  er  von  Adan  keines,  wie 
etwa  Canchon  X,  über  deren  Dreistrophigkeit,  wenn  man 
von  der  nur  als  Geleit  dienenden  vierten  Vollstrophe  ab- 
sieht, dort  unter  „Metrisches"  zu  vergleichen  ist,  wohl  aber 
aus  seiner  eigenen  lyrischen  Poesie  bisweilen  ein  solches 
in  seine  Dichtung  eingestreut,  das  er  dann  balade,  baladele 
oder  chanponete  —  „Halbkanzone",  wie  wir  sagen  würden  — 
nennt.  Die  chants  oder  chants  royaux,  die  von  Adan  her- 
rühren, oder  auch  deren  Bruchstücke  finden  sich  in  der 
Toddschen  Ausgabe: 

1.  Vv.  1543—1560,  S.  58,  ergänzt  durch  die  Vv.  1571 
bis  1579,  S.  59  und  1073—1081,  fi.  40,  zusammenfallend 
mit  Adans  Kanzone  Hayn.  1458,  nach  meiner  Ausgabe 
Nr.  20,  nach  der  Ausgabe  de  Coussemakers  Nr.  18,  S.  71 
bis  72,  Strophen  I— IV. 

2.  Vv.  1086—1095,  S.  41  zusammenfallend  mit  Str.  IV 
von  Adans  Kanzone  Rayn.  833,  nach  meiner  Ausgabe  Nr.l, 
nach  der  de  Coussemakers  Nr.  1,  S.  6. 

3.  Vv.  1100—1107,  S.  41—42  zusammenfallend  mit 
Strophe  II  von  Adans  Kanzone  Rayn.  1186,  nach  meiner 
Ausgabe  Nr.  2,  nach  der  de  Coussemakers  Nr.  2,8.10. 


—    21  — 


4.  Vv.  1518  —  1528,  S.  57  zusammenfallend  mit 
Strophe  II  von  Adans  Kanzone  Rayn.  2128,  nach  meiner 
Ausgabe  Nr.  11,  nach  der  de  Coussemakers  Nr.  11,  S.  44 
bis  45. 

5.  Vv.  1590—1629,  S.  60—61  zusammenfallend  mit 
der  ganzen  Adanschen  Kanzone  Rayn.  1237,  die  von  mir 
unter  Nr.  25,  gebracht  wird  und  bei  de  Coussemaker  fehlt. 

6.  Vv.  2470—2476,  S.  93  zusammenfallend  mit 
Strophe  V  von  Adans  Kanzone  Rayn.  1247,  nach  meiner 
Ausgabe  Nr.  30,  nach  der  Ausgabe  de  Coussemakers  Nr.  26, 
S.  101. 

7.  Vv.  2554—2593,  S.  96—98  zusammenfallend  mit 
der  ganzen  Adanschen  Kanzone  Rayn.  1973,  nach  meiner 
Ausgabe  Nr.  12,  nach  der  de  Coussemakers  ebenfalls 
Nr.  12. 

Jene  oben  bezeichneten  kürzeren  Dichtungen,  die  Nicole 
de  Margival  selbst  verfasst  hat,  stehen  bei  Todd: 

1.  Anuiz  meslez  a  contraire,  Vv.  2341 — 2352,  G. 
Raynaud  in  seiner  Bibliographie  unbekanntes  Gedicht  von 
3  Strophen  von  je  4  Versen  mit  Refrain,  als  bal adele  be- 
zeichnet. 

2.  Se  nulz  doit  pour  bien  amer,  Vv.  2296—2316, 
S.  86 ,  G.  Raynaud  in  seiner  Bibliographie  ebenfalls  unbe- 
kanntes —  vielleicht  mit  der  hier  Nr.  759  als  chanson  ä 
refrain  bezeichneten  Dichtung  von  Ricart  de  Fournival, 
mit  dem  Nicole  de  Margival  sich  ja  auch  um  die  Ver- 
fasserschaft des  Dit  de  la  Panth&re  d'Amours  streitet,  so- 
weit man  die  Angabe  des  Schreibers  der  Pariser  Hs.  gegen- 
über dem  in  der  Dichtung  selbst  erhaltenen  Anagramme 
in  Erwägung  zu  ziehen  hat,  zusammenfallendes  —  Gedicht 
von  3  Strophen  von  je  7  Versen  mit  Refrain,  als  bal  ade 
bezeichnet. 

3.  ßiautez,  bontez,  douce  chiere,  Vv.  2259 — 2279, 
S.  84— 85,  Gedicht  von  3  Strophen  von  je  7  Versen  mit 
Refrain,  das  hier  als  chanconete  bezeichnet  wird  und  mit  der 
in  G.  Raynauds  Bibliographie  unter  Nr.  1326  als  Unikum  der 
Hs.  0  gegebenen  Dichtung  zusammenfallt;  während  dasselbe 


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—    22  — 


nun  im  Dit  de  la  Panth&re,  und  zwar  nach  beiden  Hss., 
als  chanconete  —  „Halbkanzone"  —  bezeichnet  wird, 
steht  es  in  0  unter  den  balletes  als  Nr.  153,  was  uns 
nur  die  oben  behauptete  Identität  der  Dichtungsgattung  der 
Chansonette  und  dessen,  was  mit  echt  französischem  Aus- 
drucke balete,  mit  stidromanischem,  im  Besonderen  wohl 
provenzalischem  Fremdworte  aber  zu  jener  Zeit,  am  Ende 
des  13.  Jahrhunderts,  zum  ersten  Male  beilade  bezeichnet 
wird,  bestätigt.  Hier  in  der  Hs.  0  findet  eben  eine  strengere 
Trennung  der  Untergattungen  der  Kanzone  im  weiteren 
Sinne  statt,  und  wir  sehen  von  den  darin  erhaltenen  Kan- 
zonen  Adans  die  Nummern  2,  3,  5,  11,  13,  14,  16,  29, 
30,  34  unsrer  Ausgabe  in  der  Abteilung  I  Grans  chans 
—  wie  hier  wegen  ihres  grösseren  Umfanges  die  chants 
royaux  oder  chants,  wie  man  sie  sonst  benennt,  weit  be- 
stimmter bezeichnet  werden  — ,  aber  auch,  was  bisher  ganz 
unbemerkt  geblieben  ist,  ebenso,  wie  jene  dreistrophige 
Refrains  bietende  „Kanzonette"  des  Nicole  de  Margival, 
eine  solche  ohne  Refrain  von  unserem  Adan  in  der  Ab- 
teilung V  Balletes.  6.  Raynaud,  wie  allen  übrigen,  ist 
es  bisher  entgangen,  dass  das  hier  fol.  241  (nach  alter 
Zählung  fol.  230)  unter  Nr.  139  überlieferte  Liedchen  von 
3  Strophen  von  je  10  Versen:  Amours  rriont  si  douchement 
sich  ganz  mit  dem  von  Pb6  und  Pt>16  als  Eigentum  Adans 
überlieferten,  unsrer  Canchon  XXXI,  deckt,  und  jener 
hat  in  seiner  Bibliographie  aus  beiden  zwei  besondere 
Nummern  gemacht:  658  und  659.  Wir  sehen  also,  dass 
durchaus  nicht,  wie  Ed.  Schwan  in  seinen  „Liederhand- 
schriften" S.  197  behauptet,  alle  die  anonymen  balletes  von 
0  Unika  dieser  Hs.  sind.  Wie  wir  vorhin  Nr.  153  dieser 
Hs.  (oder  Rayn.  1326)  bei  Nicöle  de  Margival  wiederge- 
funden haben,  so  finden  wir  jetzt  ihre  Nr.  139  (oder 
Rayn.  658)  bei  Adan  wieder.  Und  ebenso,  wie  es  mit 
Biautez,  bontez,  douce  chiere  in  dem  einen  und  Amours 
m'ont  si  douchement  in  dem  anderen  Falle  steht,  würden 
wir  es  bei  einer  näheren  Durchsicht  der  Abteilung  V  dieser 
Hs.  wahrscheinlich  an  mehreren  finden!  Aber  wir  haben 
an  dieser  unserer  Nr.  XXXI  der  Canchons  unsres  Dichters 
nicht  bloss  die  einzige  ballete  oder  bailade,  die  Adan  ge- 


—    23  — 


dichtet  hat.  Nach  der  oben  herausgefundenen  Definition 
haben  wir  es  auch  in  unsrer  Nr.  X  wegen  der  Dreistrophig- 
keit,  die  sie  bei  Ausschluss  der  Geleitstrophe  zeigt,  mit 
einer  solchen  zu  thun;  hier  verfügt  jede  Strophe  über  neun 
Verse  einschliesslich  eines  Refrains  von  einem  Verse.  End- 
lich gehört  nach  jener  Definition  noch  hierher  unsere 
Nr.  XXVIII,  die  ebenfalls  drei  Strophen  und  zwar  mit  je 
elf  Versen  ohne  Refrain  aufzuweisen  hat.  Nach  dem  eben 
Ausgeführten  finden  denn  auch  die  jedem,  der  sich  mit 
Adan  de  le  Haie  beschäftigt,  geläufigen  Verse  seines  Neffen 
Jean  Madot  oder,  wer  sonst  das  „Giu  dou  Pelerin"  als 
Prolog  oder  Epilog  zu  Adans  „Giu  de  Robin  et  de  Marion" 
verfasst  hat,  erst  ihre  volle  Berechtigung: 

.  .  .  savoit  canchons  faire, 

Partures  et  motes  entis; 

De  che  fist  il  a  grans  plentfc, 

Et  balades,  je  ne  sai  ca?ites. 
„Er  —  Maisire  Adan  le  clerc  d'enour  V.  81  —  ver- 
stand Kanzonen  —  hier  gegenüber  den  folgenden  Balladen 
nur  Kanzonen  im  engeren  Sinne,  wie  wir  ja  auch  das 
synonyme  chants  gebraucht  gefunden  haben,  also  „grands 
chants",  „chants  royaux"  —  und  „geimpfte"  („gepfropfte", 
„bepfropfte")  Motetten1)  zu  dichten;  davon  dichtete  er  in 
grossen  Mengen,  aber  auch  Balladen,  ich  weiss  nicht,  wie 
viele.",  Giu  dou  Pelerin,  Vv.  90 — 93  (ed.  de  Coussemaker 
S.  418),  wo  offenbar  zu  den  grossen  Mengen  der  anderen 
kleineren  Dichtungsarten  die  Anzahl  der  Balladen  in  einem 


l)  F.  Godefroy  111259  a  s.v.  1  enter  definiert  diese  motes 
erde' 8  als  Motetten,  die  durch  ein  Geleit  mit  gleichen  Reimen 
und  einem  gleichen  Refrain,  wie  sie  die  vorhergehenden  Strophen 
enthalten,  also  mit  einem  vollstrophigen  Geleite  bereichert  sind, 
wie  ich  mir  aber  gerade  diese  Dichtungsgattung  nicht  vorstellen 
kann  und  auch  nicht  bei  Adan  finde;  so  kenne  ich  nur  die 
Dichtungsgattung  eben  unsrer  baletes  (balades),  z.  B.  unsere 
Canchon  X,  die  sicher  als  eine  balete  oder  balade  entee,  die  F. 
Godefroy  a.  a.  0.  auch  erwähnt,  zu  bezeichnen  ist;  vielleicht  wird 
diese,  als  eine  besondere  Untergattung  des  Tanzliedes,  chans 
entes  oder  bloss  entts  genannt,  sodass  also  an  jener  Stelle 
zwischen  den  beiden  Worten  motte  und  entte  ein  Komma  zu 
setzen  wäre. 


—    24  — 


gewissen  Gegensatze  steht,  was  vortrefflich  zu  der  That- 
sache  passt,  dass  gegenüber  der  Menge  von  Eanzonen  im* 
beschriebenen  engeren  Sinne  und  Motetten  nur  drei  Balladen 
unter  den  Erzeugnissen  unsres  Dichters  überliefert  sind. 

Wenn  es  bisher  selbst  Gelehrten,  wie  Gaston  Paris 
—  vgl.  die  beiden  Auflagen  seines  vortrefflichen  kleinen 
Handbuches  über  altfranzösische  Literaturgeschichte  U888 
und  21890  §  121  —  und  Paul  Meyer  —  Romania  XIX 
S.  31  i.  J.  1890  —  nicht  gelungen  ist,  die  im  Giu  dou 
Pelerin  erwähnten  balades,  je  ne  sai  cantes  unseres 
Dichters  in  einer  Anzahl  von  dreien  unter  seinen  tiber- 
lieferten Dichtungen  zu  entdecken,  so  liegt  das  wohl  haupt- 
sächlich daran,  dass  man  ebenso,  wie  den  chant  royal,  auch 
die  balade  des  Mittelalters  auf  Grund  dessen,  was  die 
beiden  Dichtgattungsnamen  viel  später  bis  zur  gegenwärtigen 
Zeit  hin  bedeuteten,  viel  zu  kompliziert  definiert  und  sich 
auch  besonders  für  die  Bestimmung  eines  Gedichtes  als 
balade  viel  zu  ängstlich  an  das  Vorhandensein  eines  Refrains 
als  einer  dafür  obligatorischen  Sache  gehalten  hat,  sodass 
der  vorhin  genannte  Paul  Meyer,  der  an  anderer  Stelle 
die  Oxforder  Douce-Handschrift  0  beschrieben  hat,  a.  a.  0. 
von  der  ballete  sagt,  dass  sie  „dans  le  chansonnier  Douce, 
designe  une  po^sie  composee  en  general  de  3  couplets  ä 
refrain,  comment  seront  plus  tard  les  ballades  proprement 
dites",  Worte,  aus  denen  zwar  nicht  mit  Sicherheit  hervor- 
geht, dass  er  unter  den  baletes  der  Hs.  kein  einziges  Ge- 
dicht ohne  Refrain  entdeckt,  also  zum  mindesten  unser 
Adansches:  Amours  m'ont  si  douchement  übersehen  habe, 
die  aber  doch  deutlich  zeigen,  wie  sehr  er  sich  durch  die 
spätere  bailade  in  seiner  Definition  der  mittelalterlichen 
ballete  oder  bailade  beeinflussen  Hess.  Die  ganz  einfache 
Definition  dieser  Dichtungsgattung  sowie  des  chant  royal, 
die  von  dem  Baue  ihrer  Strophe  zunächst  gänzlich  absieht 
und  sich  nur  auf  die  Angabe  der  Dreistrophigkeit  der  einen 
gegenüber  der  Fünfstrophigkeit  der  anderen  beschränkt, 
und  die  E.  Stengel  —  Gröbers,  Grundriss  II1  90  Nr.  200 
(i.  J.  1893)  und  daneben  Z.  f.  nfz.  Spr.  u.  Litt.  16,  97  (i.  J. 
1894)  —  allerdings  nur  unter  der  unerlässlich  scheinenden 
Bedingung  eines  Refrains  und  Envois  für  die  Zeit  vom 


—    25  — 


14. — 16.  Jahrhundert  gelten  lässt,  ist  schon  für  einen  Adan 
de  le  Haie  und  einen  Nicole  de  Margival  zuzugeben,  nnd 
sogar,  wie  man  an  der  oben  bezeichneten  von  0  als  balete 
überlieferten  refrainlosen  Dichtung  Adans  sieht,  in  der  er- 
weiterten Form,  dass  der  Refrain,  der  einzeilig  oder  mehr- 
zeilig,  und  die  Geleitstrophe,  deren  Umfang  verkürzt  oder 
auch  ebenso  gross,  wie  der  der  vorhergehenden  Strophen, 
sein  kann,  hier  durchaus  fakultativ  sind.  Hinzuzufügen 
wäre  dieser  Definition  höchstens  die  Beobachtung  —  wenig- 
stens, soweit  die  ballades  der  beiden  genannten  Trouveres 
aus  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts  dabei  in  Betracht 
kommen  — ,  dass  kein  Vers  mehr  als  7  Silben  umfasst, 
und  der  Sieben  silbler  in  der  Strophe,  wenn  er  nicht  über- 
haupt allein  herrscht,  doch  jedenfalls  so  überwiegt,  dass 
in  derselben  Strophe,  die  stets  mehr  als  drei,  mindestens, 
wie  bei  der  baiadele,  der  kleinsten  Balladenart,  vier  Verse 
umfasst,  vor  ihm  überhaupt  keine  und  auch  hinter  ihm  nur 
höchstens  zwei  andere  Versarten,  z.  B.  Vier-  und  Sechs- 
silbler  oder  noch  häufiger  Fünf-  und  Viersilbler,  aber  auch 
der  Fünfsilbler  allein,  vorkommen.  Wenn  6.  Paris  a.  a.  0. 
glaubt,  dass  die  Reime  der  ballete  „gewöhnlich"  —  „d'ordi- 
naire"  —  „cons^cutives"  seien,  d.  h.  doch  hier  offenbar, 
auch  innerhalb  einer  und  derselben  Strophe  für  jeden  Vers 
gleich  bleiben,  so  sind  diese  seine  Worte  in  ihrer  Allge- 
meinheit wohl  etwas  einzuschränken,  da  beispielsweise  unter 
den  drei  balletes  Adans  und  unter  den  drei  beziehungsweise, 
wie  wir  weiter  unten  sehen  werden,  unter  den  vier  balletes 
Nicoles  nur  je  eine  mit  durch  alle  Verse  hindurchgehenden 
Reimen  ist.  Gegen  meine  Ansicht,  dass  bereits  zur  Zeit 
unseres  Dichters  die  mittelalterliche  ballete  ausnahmslos 
dreistrophig  ist,  darf  man  nicht  die  scheinbare  Vier-  und 
Fünfstrophigkeit  mancher,  die  wir  finden,  geltend  machen. 
Unter  anderen  hat  ja  das  eine  der  drei  von  mir  als  bal- 
letes hingestellten  Gedichtchen  Adans,  unsere  Kanzone 
Nr.  X  Li  dous  maus  me  renouvele  allen  sechs  Hss.  zu- 
folge vier  vollständige  Strophen.  Man  kann  aber  hier,  wie 
aUerwärts,  durch  Vergleichung  der  letzten  Strophe  —  sonst 
wohl  auch  der  letzten  beiden  Strophen  —  mit  den  drei 
voraufgehenden  nach  Form  und  Inhalt,  den  selbständigen 


—    26  — 


Charakter  jener  als  einer  von  diesen  unabhängigen  Geleit- 
strophe erkennen,  die  ausserhalb  des  ganzen  Gedichtes 
steht  und  nicht  mitgezählt  werden  darf;  der  plötzliche 
Uebergang  an  dieser  Stelle  (vgl.  Str.  IV)  von  der  An- 
wendung der  dritten  Person  zu  der  der  Anredeform  in 
der  zweiten  Person  wird  dies  auch  häufig  äusserlich  deut- 
lich machen.  So  in  jener  ballete  Adans,  so  auch  in  jener 
scheinbar  fünfstrophigen  aus  Zehn-  und  Sechssilblern  be- 
stehenden Kanzone  Hayn.  811:  Un  cant  nourel  vaurai 
faire  canter,  die  der  Dichter  in  der  letzten  Strophe,  wenn 
die  Ueberlieferung  derselben  in  der  einen  der  beiden  Hss., 
in  der  sie  allein  bis  heute  erhalten  blieb,  und  die  Auf- 
fassung von  Paulin  Paris  —  hist.  litt.  23,  616  —  und 
Paul  Meyer  —  Rom.  19,  30  —  richtig  ist,  als  balade  — 
Hs.  bara  de  in  zwei  Worten  —  anredet,1)  womit  überein- 
stimmt, dass  er  sie  zu  Anfang  als  einen  cant  nouvel  ähnlich, 
wie  es  Adan  mit  seinem  einen  weltlichen  und  zwei  reli- 
giösen Sirventesen  gethan  hat  —  vgl.  Anm.  zu  Canchon  XXVI, 
I  2  — ,  bezeichnet.  Wie  diese  fünfte  Strophe  sich  nach  der 
Veröffentlichung  durch  Paul  Meyer  im  Vergleiche  mit  den, 
beiden  ersten  Von  P.  Paris  veröffentlichten  als  envoi  heraus- 
gestellt hat,  so  wird  es  wohl  auch  die  vierte  sein.  Die 
Zehnsilbigkeit  der  einleitenden  Verse  ihrer  Strophen,  die 
wir  in  des  Adan  de  le  Haie  und  des  Nicole  de  Margival 
Balleten  nirgend,  wohl  aber  nach  den  veröffentlichten  An- 
fängen in  einigen  wenigen  in  Bezug  auf  die  Zeit  wie  in 
Bezug  auf  den  Verfasser  vorläufig  unbestimmbaren  der  Hs. 
0  finden,  bliebe  dann  allerdings  in  dieser  Ballade  Hubert 
Cankesels,  der  entweder  kurz  vor  oder  noch  gleichzeitig 
mit  seinem  Landsmann  Adan  dichterisch  thätig  gewesen  ist, 
bestehen;  sie  müsste  dann  erst  durch  Adan  selbst  abge- 
schafft und  damit  auch  von  seinem  Nachahmer  Nicole  de 
Margival  als  beseitigt  erachtet  worden  sein.  Ob  aber  dies 
Gedicht  von  seinem  Verfasser  in  der  letzten  Strophe  wirk- 
lich als  zu  unsrer  Dichtgattung  gehörig  bezeichnet  worden 


l)  Wie  ich  jetzt  sehe,  wird  auch  die  Ballete  14  der  Oxf. 
Ldhs.,  Rayn.  813  nach  G.  Steffens,  Archiv  99,  342,  im  Gedichte 
selbst  als  balaide  bezeichnet. 


—    27  — 


ist  und  ob  es  demgemäss  überhaupt  in  diese  Betrachtung 
gehört,  bleibt  natürlich  bei  der  höchst  unsicheren  Auf- 
fassung der  fraglichen  drei  Silben  durch  die  beiden  fran- 
zösischen Gelehrten  sehr  ungewiss.  —  Genau,  wie  nach 
dem,  was  wir  gefunden  haben,  in  der  Ueberschrift  von 
Adans  Liedern  der  Ausdruck  canchon  im  weiteren  Sinne 
gebraucht  worden  ist,  sodass  er  beide  Begriffe,  den  des 
chant  royal  oder  grand  chant  wie  den  der  ballete  oder 
bailade,  umfassen  soll,  genau  so  finden  wir  denselben  auch 
von  Nicole  de  Margival  angewendet  —  natürlich  seiner 
Landsmannschaft  zufolge  in  der  mehr  zentralen  Form 
chancon,  chanson  — ,  das  eine  Mal  nach  Todds  Ausgabe 
S.  89  V.  2381  für  seinen  die  Vv.  2385—2429  umfassenden 
fünfstrophigen  Chant  royal  J'ai  este  chantanz,  jolis,  den 
E.  Stengel,  wieder  einmal  durch  den  Refrain,  der  m.  E. 
so  viele  Gelehrte  getäuscht  hat,  und  durch  den  nach  seiner 
Meinung  ebenfalls  entscheidenden  Strophenbau  verleitet,  in 
Gröbers  Grundriss  II1,  90  Nr.  200  als  ballette  betrachtet, 
und  ein  anderes  Mal  S.  83,  V.  2223  nach  Todds  Ausgabe 
für  seine  die  Vv.  2226 — 2252  umfassende  mit  dem  fakul- 
tativen, hier  noch  einmal  als  Thema  voraufgehenden  Refrain 
versehene  regelrecht  dreistrophige  ballete  Pour  anui  ne 
pour  contraire,  die  jene  schon  erwähnte  vierte  noch  zu 
den  andren  drei  gleichartigen  Gedichten  Nicoles  hinzu- 
kommende ist. 

Wir  wenden  uns  jetzt  zu  den  einzelnen  Liedern  Adans, 
deren  Anzahl  sich  nach  meiner  Ausgabe  bis  auf  die  Zahl 
sechsunddreissig  beläuft.  Weder  sprachliche  noch  sachliche 
Rücksichten  fanden  sich,  die  mich  gezwungen  hätten,  irgend 
eines  von  den  tiberlieferten  Liedern  als  unecht  zurückzu- 
weisen, wenn  es  auch  nur  in  einer  von  den  Hss.,  die  es 
erhalten  hatten,  von  ihrem  ursprünglichen  Schreiber  im 
Gegensatze  zu  späteren  Lesern,  die  sich  allerlei  willkür- 
liche Vermutungen  in  Bezug  auf  den  Verfasser  auf  das 
Papier  zu  bringen  erlaubten,  als  unserem  Dichter  zuge- 
hörig bezeichnet  worden  war.  So  konnte  ich  zu  den 
Kanzonen,  die  E.  de  Coussemaker  aus  Pb16  in  seine  Aus- 
gabe übernahm,  noch  zwei  neue  bisher  unedierte,  Can- 
chon   XXV    und    Canchon    XXXIV    hinzufügen;  zwei 


—    28  — 


andere  unedierte,  die  wohl  aus  dem  Puy  von  Arras  zur 
Zeit  Adans  stammen  können,  die  aber  Paul  Meyer  noch 
i.  J.  1858  im  Catalogue  de  la  Bibl.  Imp.  I  Ancien  Fonds, 
M8S.  du  Fonds  fra^ais  I  262  a  —  vgl.  auch  Ed.  Schwan, 
Afrz.  Liederhandschriften,  8.  111,  Anm.  1  u.  3  und  S.  159 
Anm.  —  ohne  ausreichenden  Grund  und  sogar,  was  die 
eine  betrifft,  wenn  ihre  Geleitstrophe  an  Maistre  Adan 
wirklich  ursprünglich  ist,  offenbar  bestimmt  mit  Unrecht 
unserem  Dichter  zugesprochen  hat  —  vgl.  auch  hier  An- 
hang — ,  bringe  ich  anhangweise. 

Die  allerliebste  dreistrophige  Rotrouenge,  die  Paul 
Heyse  in  der  zu  Anfang  S.  1  erwähnten  Novellete  „Marion" 
der  Heldin  als  von  ihrem  Ehemanne,  unserem  Dichter,  her- 
rührend in  den  Mund  legt,  ist,  trotz  ihrer  echt  mittelalter- 
lichen Einkleidung  und  Färbung  und  ihrer  täuschenden 
Aehnlichkeit  mit  den  leibhaftigen  Kindern  Adanscher  Dich- 
tung in  mehreren  Zügen,  gleichwohl,  zufolge  einer  freund- 
lichen brieflichen  Mitteilung  Heyses  an  mich,  nicht  etwa 
eine  metrische  Uebertragung  des  meisterhaften  Uebersetzungs- 
künstlers  auf  dem  Gebiete  alter  und  neuer  romanischer 
Litteratur,  sondern  erst  eine  Neuschöpfung  des  modernen 
Novellisten,  der  hier,  wie  so  oft,  mit  der  ihm  eigentüm- 
lichen seltenen  Nachempfindungsgabe  die  romanistischen 
Studien  seiner  Jugend  künstlerisch  zu  verwerten  verstand. 

Der  schwierigen,  wenn  nicht  unlösbaren  Frage  nach 
der  originalen  Reihenfolge  von  Adans  Liedern  ist  E.  Schwan 
in  seinen  „altfranzösischen  Liederhandschriften"  S.  225  in 
subtiler  Weise  näher  getreten.  Die  Möglichkeit  ihrer  Be- 
antwortung scheitert  meines  Dafürhaltens  schon  daran,  dass, 
wie  es  offenbar  nicht  einmal  später  Pt>16  trotz  aller  seiner 
Mühen  gelungen  ist,  alle  Lieder  ohne  Ausnahme  aus  den 
vorhandenen  Sammlungen  in  sich  zu  vereinigen,  ursprüng- 
lich erst  recht  nicht  alle  Lieder  in  eine  einzige  Sammlung 
Eingang  gefunden  haben!  Ich  habe  des  verstorbenen  Ge- 
lehrten Ausführungen  dennoch  hier  insoweit  in  die  Praxis 
umgesetzt,  als  ich  im  Gegensatze  zu  de  Coussemaker  die 
Reihenfolge  von  Pb6  zu  Grunde  gelegt  und  die  nur  in. 
anderen  Hss.  vorhanden  gewesenen  in  dieser  Reihe  mög- 
lichst ihrer  dortigen  Umgebung  entsprechend  unter  Be- 


—    29  — 


vorzugung  der  nach  Schwans  Stammtafel  ursprünglicheren 
Hs.  eingestellt  habe.  Darüber,  dass  ich  die  Sprache  der 
Gedichte  einheitlich  nach  der  strengen  Mundart  von  Arras, 
in  der  Adan  wie  seine  meisten  Puygenossen  nachweislich 
geschrieben  haben,  nach  den  Resultaten  meiner  später  er- 
scheinenden Arbeit  über  diesen  Gegenstand  hergestellt  habe, 
habe  ich  mich  schon  in  der  Vorbemerkung  geäussert,  vgl. 
S.  6  und  auch  die  Seiten  3 — 5.  Ein  kurzer  Abriss  für 
alle  diese  kleinen  Einzelheiten  im  engen  Rahmen  lässt  sich, 
wo  manchmal  eine  Vergleichung  vieler  mannigfaltiger  Be- 
legstellen notwendig  ist,  um  eine  einzige  Erscheinung  zu 
^beweisen  (z.  B.  die  interessante:  lat.  ü  in  offener  Silbe  vor 
den  Nasalen  m  und  n  arrasisch  =  ou,  also  beibehalten, 
wie  auch  sonst  gemeinromanisch  ausser  auf  französischem 
Gebiete,  wo  doch  gemeinhin  eine  Umlautung  zu  ü  erfolgt, 
oder,  wenn  man  will,  wie  lat.  ö  unter  gleichen  Beding- 
ungen behandelt,  vgl.  ploume  =  lat.  plümam),  eben  kaum 
geben.  Deshalb  hat  wohl  auch  E.  Langlois  seiner  mehr 
populären  Ausgabe  von  Adans  Giu  de  Robin  et  de  Marion 
einen  solchen  nicht  hinzugefügt,  obgleich  er  nach  der  prd- 
face  S.  II  extr.  ff.  die  arrasische  Mundart  in  seinen  Text 
einführen  zu  wollen  scheint;  freilich  hat  er  dies  Bestreben 
wohl  kaum  überall  mit  Konsequenz  durchgeführt  und  über- 
haupt sehr  viele  arrasische  Erscheinungen  übersehen,  vgl. 
auch  meine  Vorbemerkung  S.  6  und  jetzt  W.  Cloetta,  Z.  f. 
franz.  Spr.  u.  Litt.  (1898),  XX,  2,  39.  Einiges  hierher  ge- 
hörige bieten  in  etwas  skizzenhafter,  unkritischer,  nicht 
immer  zuverlässiger  Weise  mehrere  neuere  Herausgeber  von 
arrasischen  Litteraturerzeugnissen,  z.  B.  C.  A.  Windahl,  Ver 
de  le  mort,  introduction,  S.  XVI — XXXIII  und  Hugo  An- 
dresen,  Marienlob,  Einleitung  S.  4 — 10  u.  a.,  vgl.  dazu  auch 
Vorbemerkung  S.  4  extr.  ff,  wichtigere  Einzelheiten  H.  Suchier 
in  dem  oben  in  der  Vorbemerkung  S.  3  angegebenen  Zu- 
sammenhange, in  allerjüngster  Zeit  auch  in  der  Einleitung 
zu  seiner  Ausgabe  der  Dits  et  chansons  d'Arras  in  der  Hs. 
Pbn  in  der  gedrängtesten  Weise  A.  Jeanroy,  Bibl.  des  Un. 
du  midi  II  422 — 424.  Zum  grössten  Teile  lässt  sich  nun 
die  lautliche  Gestaltung  durch  das,  was  die  eine  oder  die 
andere  von  den  vielen  Hss.  giebt,  belegen;  über  anderes 


—    30  — 


haben  die  genannten  Gelehrten  das  Notwendigste,  wenn 
auch  nicht  Ausreichendes  beigebracht.  So  entschuldigt  man 
mich  wohl,  wenn  ich  eine  doch  ungenügende  Skizze  von 
der  Sprache  unseres  Dichters  hier  nicht  bringen  will, 
sondern,  obgleich  ich  dem  Texte  eine  einheitliche  arrasische 
Gestalt  gegeben  habe,  für  die  Rechtfertigung  derselben  auf 
meine  später  erscheinende  umfängliche  Arbeit  über  die 
mittelalterliche  Sprache  des  arrasischen  Gebietes  vertrösten 
muss. 


Canchon  L 


Rayn.  833. 


7  Hss:  A  133  V«  (Ac.  d'A.  XXX  218),  Pb6  211a,  Pb7 
311a,  Pb"  226  bis  v°,  Pb14  H8c,  Pb«  2a,  Pb*6  10a. 

Die  Handschriften  zerfallen  in  zwei  grosse  Gruppen  Pb7, 
Pb6  Pb16  und  A  Pt11,  Pl14.  Pb15  nimmt  eine  Mittelstellung 
zwischen  beiden  Gruppen  ein  und  hat  die  nach  seiner 
Meinung  dem  Originale  am  nächsten  stehenden  Lesungen 
zu  tibernehmen  gestrebt.  Von  den  beiden  Gruppen  ist  die 
erste  die  dem  Originale  nächste,  und  unter  den  drei  Hss. 
derselben  nimmt  diese  bevorzugte  Stelle  wohl  Pb7  ein,  das 
überhaupt  keine  offenbaren  Fehler  aufweist,  wohl  aber 
sich  selbst  dadurch  eine  Sonderstellung  giebt,  dass  an 
manchen  Stellen,  wo  das  Original  mit  der  Wendung  seiner 
Rede  ganz  befriedigt,  die  Hs.  Pb7  dieses  noch  an  Feinheit 
des  Ausdruckes  zu  überbieten  sucht;  Pb6  und  Pb16  kommen 
in  dieser  beschränkten  Zahl  von  Fällen  dem  Originale 
sicher  näher.  In  der  zweiten  Gruppe  gehen  A  und  Pbu 
enger  zusammen,  während  Pb14  mehr  für  sich  steht  und 
seinen  Text  oft  durch  Begehung  der  willkürlichsten  Ver- 
stösse, auch  gegen  Metrik  und  Reim ,  ziemlich  arg  entstellt, 
sowie  auch  die  geleitende  letzte  Strophe  vollkommen  ver- 
gessen hat. 

Alle  Hss.  bis  auf  Pb7,  Pb15  und  Pb14  weisen  das 
Gedicht  ausdrücklich  unserem  Dichter  zu.  Pb7,  Pb15  und 
Pb14  bringen  es  anonym,  Pb7  und  Pb15  jedoch  als  Hss. 
die  —  Pb7  abgesehen  von  dem  letzten  Gedichte,  das 
man  hier  findet  —  nur  Lieder  Adans  bringen.  Pb6  und 
Pb14  bringen  es  unter  dem  Namen  Adan  de  le  Haie, 
A  und  Pbn  unter  dem  Adans  Ii  Bocus.  Auch  in  diesen 
verschiedenen  Formen  der  Attributionen  tritt  die  vorherige 
Gruppierung  der  Hss.  deutlich  hervor. 


—    32  — 


Für  Strophe  IV  kommen  noch  die  beiden  Hss.,  welche 
uns  das  Dit  de  la  Panthere  d'Amours  erhalten  haben,  wo 
diese  Strophe  (nach  Henry  Alfred  Todds  Ausgabe  Vv.  1086 
bis  1095)  eingelegt  ist,  hinzu:  Pb18  160d  und  Pe  53b;  sie 
gehen  hier  offenbar  mit  der  ersten  Gruppe  der  übrigen 
Hss.  zusammen.  Ausdrücklich  sagt  uns  Nicole  de  Margival, 
der  Verfassers  jenes  dit,  dass  er  diese  Strophe  (ver)  als 
von  Adan  herrührend  aufsagen  hörte! 

Aus  dem  Vorhergehenden  folgt  von  selbst,  dass  dem 
Texte  Pb7  zu  Grunde  zu  legen  ist  und  man  nur  da  von 
ihm  abzugehen  hat,  wo  es  als  einzige  unter  allen  Hss.  eine 
vollkommen  befriedigende  von  Pb6  bezw.  Pb16  in  Ueber- 
einstimmung  mit  der  Majorität  gestützte,  also  ursprüngliche 
Lesung  ans  dem  oben  angeführten  Grunde  aufgegeben  hat. 

Ursprünglich  muss  dies  Lied  auch  in  R1  fol.  51  (alte* 
Zählung)  gestanden  haben,  da  es  in  der  Inhaltstafel  dieser 
Hs.  als  erstes  Adansches  für  jenes  Folio  (LI),  welches  man 
also  wohl  um  einer  kostbaren  Titelmalerei  willen  heraus- 
geschnitten hat  —  vgl.  auch  Ed.  Schwan,  Littbl.  VI  (1885), 
Sp.  65  — ,  angegeben  wird. 

Das  Gedicht  ist  auf  Grund  von  Pb16  bei  E.  de 
Coussemaker  S.  4  — 7  gedruckt,  die  erste  Strophe  schon 
1842  von  Paulin  Paris,  hist.  litt.  XX  654—655,  und  zwar 
viel  besser  auf  Grund  derselben  Hs.  Pb16. 

I.    1  D'amerous  euer  vuel  canter 

2  Pour  avoir  a'ie! 

3  Nos  autrement  reclamer 

4  Cheli  ki  m'  ouvlie, 

5  Dont  ne  me  pouroie  oster, 

6  Coument  c'om  m'ait  assali, 

7  Moi  vueille  ou  non  a  ami,  — 

8  Tant  l'ai  enkier'ie, 

9  Et  tant  m'en  sont  abeli 
10  Li  penser! 


I.  8  Autrement  nos  Pb7  5  Je  ne  men  p.  Pb7,  Dont  ne 
men  p.  Pb14  7  a  a.]  lamerai  Pb14  9  Tant  sont  vers  Ii  abeli 
Pt>",  Et  tant  mi  sont  Pb6  Pb11  Pb14  Pb15  Pb16     10  Mi  p.  Pb" 


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_    33  — 


II.  1  Tant  est  sage  pour  blamer 

2  Chelui  ki  folie, 

3  Tant  bele  pour  esgarder, 

4  Ke,  cose  c'on  die, 

5  Ne  m'em  pouroit  dessevrer! 

6  Coument  metroie  en  ouvli 

7  Si  grans  valours  ke  je  di, 

8  Maie  gent  haie, 

9  Ki  a  tort  m'em  voules  si 
10  Destourber? 

III.  1  Je  ni  puls  merchi  trouver! 

2  CKes  chou  ki  m'aigrie; 

3  Pour,  chou  le  bon  esperer 

4  Ne  per der ai  rriie! 

5  Je  ne  saroie,  ou  tourner! 

6  Car  puis  ke  premiers  le  vi, 

7  M'a  tenu  le  cors  joli 

8  Li  grans  baar'ie 

9  Ke  fai,  dfun  resgart  en  Ii 
10  Recouvrer! 

IV.  1  Anchois  voit  on  refuser 

2  Chelui  ki  trop  prie, 

3  Ke  chelui  desamonter 

4  Ki  bien  s*umeliel 

5  Pour  chou  suefre  sans  rouver 


II.  2  ki  fet  folie  Pb"  3  Tant  est  b.p.  e.  Pb15  5  Ne 
me  p.  Pb 14  6  meteroie  A  Pb 18  7  S.  g<>  v.  Je.]  S.  g.  v.  con  Pb 7, 
Si  grant  valour  que  Pb16,  Tant  de  valours  JceA  9  me  v.  8.  Pb14 
10  Destoumer  PbG  Pb11  Pb15  Pb16,  Destraver  Pb14 

III.  3  Por  quoi  Pb 14,  bien  esp.  Pb 14  4  Ne  perdrai  mie  Pb  n, 
Ne  perdrai  je  m.  Pb14  5  m  trouver  A  Pb11  7  le  euer  j. 
APb11  Pb14  8  La  (Le)  grans  A  Pb6  Pb7,  La  (Le)  grant 
Pb11  Pb'4  Pb16  9  du  reqard  de  Ii  Pb7,  d'un  voloir  en  Ii 
Pb°  Pb1'  Pb15 

IV.  1  voie  Pb18  2  Celle  Pe  3  Ke  celle  Pe  4  Qui 
plus  s'umelie  Pb6  Pb11  Pb14  Pb16  Pb16,  Qui  trop  s'um.  Pb18  Pe. 
5  sans  rouvrer  Pb11,  sans  renier  Pb18 

3 


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—    34  — 


6  En  espoir  d'avoir  merchi 

7  Et  bien  vuel  k'i  soit  ensi! 

8  Car  a  signerie 

9  A  om  maintes  fois  fali 
10  Par  hast  er! 


V.    1  Chius  me  vent  bien  desnüer 

2  De  goieuse  v'ie, 

3  Ki  menorte  a  desamer 

4  Dame  si  jolie 

5  Et  ki  tant  faxt  a  louer! 

6  Mais  si  voirement  Ii  pri, 

7  Conkes  tel  gent  ne  crei 

8  —  Tant  i  sai  d* entfiel  — : 

9  K1  ele  ait  volenti  de  mi 
10  Conforter! 


E.  VI.    1  Me  canchon  vuel  presenter 

2  Me  dorne  envesie! 

3  Bien  le  vaura  escouter: 

4  Espoirs  le  ntaße, 

5  Ki  m'i  faxt  ass'eurer, 

6  Et  se  grans  valours  aussi! 

7  De  miudre  ainc  parier  n'oui; 

8  Car  en  courtesie 

9  Sont  de  Ii  maint  enreki 
10  Par  anter! 


8  Kar  en  8.  A      9  A  len  Pb",  mainte  fois  f.  Pb11  Pbu  Pb16 

V.  1  Chü  Pb16,  destourner  Pb16  2  D'amourouse  v.  A 
4  joie  Pb14  6  si  vraiement  Pb11  Pb14  7  teus  gens  A  Pb6 
Pb14  Pb'6      8  Tant  i  voi  A      9  de  moi  Pb14 

VI.  Fehlt  in  Pb14  2  ensigme  Pb7  3  K'ele  le  voette 
eshouter  A  5  Qui  me  Pb6  Pb11  Pb15  Pb16  7  ains  p.  A 
Pb6  Pb16  Pb16. 


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—   35  — 


Übersetzung. 


I.  Verliebten  Herzens  will  ich  singen,  um  Heilung  zu 
rinden!  Nicht  gewinne  ich  es  anders  über  mich,  die  zu- 
rückzurufen, die  mich  vergisst,  wovon  ich  mich  aber  nicht 
losmachen  könnte,  wie  man  mich  auch  immer  angegriffen 
(getadelt)  hat,  mag  sie  mich  zum  Freunde  wollen  oder 
nicht,  —  so  sehr  habe  ich  sie  liebgewonnen,  und  so  sehr 
haben  mir  die  (von  der  Liebe  eingegebenen)  Gedanken  an 
sie  gefallen! 

II.  So  weise  ist  sie,  weil  sie  auch  den  tadelt,  der 
töricht  handelt,  so  schön  zu  schauen,  dass,  was  man  auch 
immer  sagen  möge,  es  mich  nicht  von  ihr  trennen  könnte! 
Wie  sollte  ich  in  Vergessenheit  bringen  so  grosse  Tugenden, 
wie  ich  (sie)  schildere,  schlechte,  verhasste  Leute,  die  Ihr 
mich  mit  Unrecht  daran  so  sehr  hindern  wollt? 

III.  Ich  kann  bei  ihr  keine  Gnade  finden!  Das  ist's, 
was  mich  betrübt;  gleichwohl  werde  ich  die  gute  Hoffnung 
keineswegs  aufgeben!  Ich  wüsste  (sonst)  nicht,  wohin  mich 
wenden!  Denn  nachdem  ich  sie  einmal  erblickt  habe,  hat 
mein  Wesen  in  Liebesfreude  gehalten  die  grosse  Sehnsucht, 
die  ich  habe,  einen  Blick  auf  sie  wiederzuerlangen! 

IV.  Eher  sieht  man  den  zurückweisen,  der  zu  sehr 
bittet,  als  den  fallen  lassen,  der  sich  recht  bescheiden  hält ! 
Deshalb  dulde  ich,  ohne  zu  flehen,  in  der  Hoffnung,  Gnade 
zu  finden,  und  wünsche  wohl,  dass  es  so  geschehen  möge! 
Denn  Liebesgenuss  hat  man  manchmal  durch  Uebereilung 
verfehlt! 

V.  Jener  will  mich  freudvollen  Lebens  berauben,  der 
mich  ermahnt,  eine  so  liebesfreudige  Dame,  die  noch  dazu 
so  rühmenswert  handelt,  zu  lieben  aufzuhören!  Vielmehr 
bitte  ich  sie,  dass  sie,  wie  ich  niemals  solchen  Leuten  folgte, 
(glaubte)  —  soviel  Neid  weiss  ich  in  ihnen!  —  so  gewiss 
Neigung  haben  möge,  mich  zu  trösten! 

VI  (Geleitstrophe).  Mein  Lied  will  ich  vorlegen  meiner 
lebenslustigen  Dame!  Sie  wird  es  gütig  anhören  wollen; 
Hoffnung  bestätigt  es  mir,  die  mich  damit  zufrieden  stellt 
(eig.  „mich  dabei  beruhigen  lässt")  und  ihre  grosse  Tugend- 


3* 


—    36  — 


haftigkeit  dazu!  Von  einer  Besseren  hörte  ich  niemals 
sprechen!  Denn  in  höfischem  Wesen  haben  sich  von  ihr 
so  manche  durch  Verkehr  bereichert! 


Das  Gedicht  umfasst  fünf  gleichgereimte  zehnzeilige 
Hauptstrophen  und  ausserdem  noch  eine  natürlich  ebenfalls 
mit  ihnen  gleichreimende  sechste  Vollstrophe  als  Geleit.  Die 
Zahl  der  Strophen  entspricht  also  ganz  unsrer  obigen  For- 
derung für  den  grand  chant  oder  chant  royal. 

Das  Schema  der  Strophe  ist: 

7a  5b  ~,  7a  5b  ^;  7a  7b  7b  5b  ^  7b  3a. 

Mit  ihrer  rhytmischen  Gliederung  in  zwei  pedes  und 
eine  längere  cauda  sind  die  in  derselben  notwendigen  syn- 
taktischen Pausen  überall  in  trefflicher  Uebereinstimmung. 


Sogen,  grammatische  Reime  bilden  ouvlie  (lat.  oblitat) 
14:  onvli  (Verbalsubst.)  116,  die  (lat.  dicat)  114:  di  (lat. 
dico)  117,  prie  (lat.  *precat)  IV  2:  pri  (lat.  *preco)  V  6, 
jol'ie  V  4 :  j'oli  (Masculinum  dazu)  III  7.  Grammatischer  Reim 
im  weiteren  Sinne  jedoch,  wie  ihn  F.  Orth  in  seiner  metrischen 
Abhandlung  S.  21  definiert,  d.  h.  ein  solcher  Reim,  in  dem 
die  entsprechenden  männlichen  und  weiblichen,  infinitivischen 
und  partizipialen ,  singularischen  und  pluralischen  u.  8.  w. 
Endungen  von  Wörtern  mit  verschiedenen  Stämmen  auf- 
einanderfolgen,  durchzieht  hier  natürlicherweise  das  ganze 
Gedicht. 

Leoninische  Reimung1)  bieten  reclamer  I  3 :  blamer  II  1 : 
desamer  V  3,  canter  1 1:  anter  VI  10,  assali  I  6:  fall  IV  9, 
fol'ie  (lat.  *follicat)  112:  jol'ie  V4,  envesie  (lat.  *invitiatam) 
VI  2:  cour teste  VI  8,  trouver  (lat.  turbare)  IUI:  rouver 


J)  Den  terminus  technicus  „leoninischer  Reim"  gebrauche 
ich  nach  dem  Vorgange  A.  Toblers  (Versbau2  S.  112)  stets  in  der 
Bedeutung  „rime  superflue,  double"  und  nicht  in  der  Bedeutung 
„weiblicher  Reim",  wie  sie  demselben  die  mittelalterlichen  Schrift- 


Metrisches. 


a  _  er,  b  _  /,  b  ^  _  ie. 


steller  gewöhnlich  gaben. 


—    37  — 


(lat.  rogare)  IV  5:  vielleicht  auch  recouver  (wie  man  wahr- 
scheinlich für  franzisches  recouvrer,  lat.  recuperare  in  un- 
serem Sprachgebiete  sagt)  III  10. 

Reichen  Reim  bieten  canter  1 1  :  desamonier  IV  3  : 
con  forter  V 10  :  presentcr  VI  1  :  escouter  VI  3  :  anter  VI  10 : 
osler  I  5  :  hasler  IV  10;  ouvl'ie  1 4  :  fol'ie  II  2  :  umel'ie  IV  4  : 
fol'ie  V  4,  enkierie  I  8  :  aigr'ie  III  2  :  baafie  III  8  :  pr'ie 

IV  2  :  siynerie  IV  8,  trite  (lat.  vitam)  V  2  :  enttfe  (lat.  invidiam) 

V  8,  ami  I  7  :  mi  V  9,  assali  I  6  :  a6^/i  I  9  :  ouvli  II  6  : 
joü  III  7  :  Ii  III  9  :  fali  IV  9. 

Reimung  zwischen  Simplex  und  Composita  —  vgl. 
Toblers  Versbau2  S.  134  —  bietet  si  II  9  :  ensi  IV  7  : 
aussi  VI  6. 


Kritische  und  exegetische  Anmerkungen. 

11  —  4.  Ein  in  der  Trouverelyrik  häufig  ausgeführter 
Gedanke,  besonders  in  den  envois  der  Kanzonen,  vgl.  bei 
unserem  Dichter  die  Canchons  III,  VI,  und  IX,  VI. 

I  2.  Afrz.  die  oder  prov.  aiuda  „Hilfe"  ist  bei  den 
Trouveres  bezw.  Trobadors  der  terminus  technicus  für  die 
Erhörung  des  Liebhabers  und  die  damit  verbundene  Heilung 
von  seinem  Liebesleiden.  Vgl.  die  treffliche  Analysierung 
dieses  Begriffes  nach  Stellen  aus  den  Gedichten  Guirauls 
von  Bornelh  durch  A.  Kolsen  in  seiner  Ausgabe  von  Guirauls 
Tenzonen  S.  122—123. 

I  3.  N'os  autrement  reclatner]  „anders"  seil,  „als 
durch  Singen"  nach  v.  1.  Der  Schreiber  von  Pb7  suchte 
offenbar  durch  die  Stellung  des  Adverbs  autrement  an  die 
Spitze  des  Satzes,  welche  an  sich  durchaus  zulässig  ist, 
dieses  Wort  noch  mehr  hervorzuheben. 

reclatner  bedeutet  hier  „zurückrufen",  „zurücklocken" 
in  Bezug  auf  die  Dame,  die  ihren  Geliebten  vergessen  hat, 
wie  das  Zurückrufen  des  ausgeflogenen  Falken,  der  den 
Jäger  nicht  wiederfindet,  erfolgt  durch  den  reclain,  den 
„Lockruf",  bisweilen  auch  ein  Pfeifensignal  (dann  „den 
Köder"),  vgl.  W.  Försters  Anm.  zu  Cliges,  v,  494  f. 


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—    38  — 


I  4 — 5.  Hier  scheint  der  Schreiber  von  Pb7  an  der 
afrz.  vorkommenden  asyndetischen  Verknüpfung  der  beiden 
Relativsätze  Anstoss  genommen  zu  haben,  wenn  er  demon- 
strativ mit  en  statt  mit  dont  verknüpft.  Pb14  hat  noch 
einmal  en  hinter  dont  in  pleonastischer  Weise. 

I  6.  Noch  deutlicher  ist  Canchon  III,  II  8  von  dem 
Tadel  seiner  Freunde  die  Rede! 

I  8.  In  Pb16  steht  einer  nochmaligen  Kollation  zu- 
folge deutlich  enchierie,  wie  ja  auch  P.  Paris,  bist.  litt. 
XX  655  gelesen  hat.  Wie  E.  de  Coussemaker  hierfür  zu 
dem  schon  durch  seine  Silbenzahl  unmöglichen  en  druerie 
(en  drüer'ie)  gekommen  ist,  weiss  ich  nicht;  enkierir  ist 
grade  in  der  Pikardie  und  im  Nordosten  häufig  und  be- 
deutet „liebgewinnen",  so  auch  noch  bei  unserem  Dichter 
Partüre  II,  IV  2  (ed.  de  Coussemaker  S.  140)  und  Parttire 
XVIII,  II  5  (Rom.  VI  592). 

I  9.  Wenn  mi  in  Pb1G  für  m*en  in  den  anderen  Hss. 
nicht  die  arrasische  Nebenform  =  lat.  mihi  für  sonstiges 
moi  =  lat.  me  sein  soll,  so  ist  wohl  =  m'i  in  dem  Sinne 
zu  verstehen,  dass  der  Schreiber  in  etwas  ungewöhnlicher 
Weise  hier  das  Pronominaladverb  i  in  Beziehung  auf  das 
Verbalsubstantiv  penser  mit  der  entsprechenden  Funktion 
wie  bei  dem  zugehörigen  Zeitworte  selbst  verstanden  wissen 
will.  —  Pens  er  sind  speziell  die  „Liebesgedanken 

II  3.  In  Pb15  ist  der  Vers  um  eine  Silbe  zu  lang: 
Tant  est  bete  pour  esguarder.  Es  scheint,  als  ob  dieser 
Kopist,  dem,  wie  ja  auch  aus  anderen  Stellen  ersichtlich 
ist,  mehrere  Hss.  zu  Gebote  gestanden  haben,  unter  anderen 
auch  aus  einer  Vorlage  geschöpft  habe,  die  den  Vers  etwa 
in  der  Form  Tant  est  bele  a  esgarder  oder  Tant  est  bele 
d'esgarder  überlieferte,  die  also  offenbar  an  der  im  Origi- 
nale passivischen  Funktion  des  Infinitivs  mit  pour  neben 
der  aktiven  des  mit  derselben  Präposition  verbundenen  und 
scheinbar  so  gleich  verwendeten  Infinitivs  in  V.  1  und  an 
dem  ungewöhnlichen  Gebrauche  von  pour,  wie  ihn  F.  Diez, 
Gramm.4  III  242,  überhaupt  nur  fürs  Prov.  und  Span,  und 
auch  nur  da  vereinzelt  —  Prov.  greus  per  entendre,  mal 
per  far,  span.  bueno  para  comer  —  nachweist,  für  sonstiges. 


—    39  — 


a  oder  auch  de  Anstoss  nahm.  Aber,  wie  man,  was  schon 
Diez  bemerkte,  statt  der  in  diesem  Falle  gewöhnlichen,  ja 
hier  noch  nfrz.  üblichen  Präposition  a  vor  vokalisch  an- 
lautendem Infinitive,  offenbar  wegen  des  sonst  entstehenden 
Hiats,  prov.  zuweilen  de,  mitunter  auch  per  findet,  so  ist 
es  hier  auch  altfranzösisch.  Mit  pour  esgarder  statt  a 
esgarder  wurde  auch  hier  ein  Hiatus,  der  allerdings  zu  den 
schwachen  zu  zählen  wäre  und  an  dem  sich  auch  Adans 
Puygenossen,  wie  man  z.  B.  an  dem  hier  im  Anhange  nach 
beiden  Handschriften  mitgeteilten  Gedichte  II,  V2  sieht, 
nicht  zu  stossen  brauchten,  vermieden  und  neben  pour 
blamer  hinter  est  sage  in  V.  1  eine  Symmetrie  des  Aus- 
druckes für  logisch  Verschiedenartiges  angewendet,  wie  sie 
der  Dichter  in  diesem  Falle  wohl  grade  liebte;  pour 
esgarder  ebenso  hinter  faitis  in  Canchon  XXXII ,  IV  3, 
ähnlich  auch  wohl  pour  mirer  hinter  vremeille  Canchon 
XIX,  IV  2,  doch  s.  hierzu  die  Anm. 

H  6.  Metre  en  ouvli,  bei  unserem  Dichter  beliebte 
Wendung  für  einfaches  oublier,  wie  sie  ja  auch  noch  nfrz. 
gebräuchlich  ist.  So  auch  Canchon  XXH,  V  4  und  XXX, 
III  8.  Daher  ist  vielleicht  auch  in  unseres  Dichters  Giu 
Adan  v.  755  (ed.  de  Coussemaker  S.  405)  ebenso,  wie  im 
Fabliau  de  Sire  Hain  et  de  Dame  Anuieuse  v.  353,  Mont. 
Fabl.  1110,  metre  en  delu'r.  lui  als  verderbt  anzusehen 
und  an  ersterer  Stelle  in  metre  en  ouvli:  Ii,  da  es  sich 
hier  für  das  betonte  Personalpronomen  um  eine  weibliche 
Form  handelt,  zu  ändern.  Allerdings  ist  auch  afrz.  metre 
en  delui  in  der  Bedeutung  „aufschieben"  nachweisbar. 

II  8.  Zu  der  gewöhnlich  nur  teilweise*  durchgeführten 
constructio  ad  sensum  bei  dem  Substantiv  gent  (lat.  gentem) 
vgl.  A.  Tobler,  Verm.  Beitr.  1 190  und  jetzt  dazu  ergänzend 
G.  Ebeling,  Anm.  zu  Auberee,  V.  379. 

H  9.  Si  in  der  Bedeutung  „so  sehr"  mit  starkem 
Nachdrucke  beim  Verbum  führt  J.  Bddier  zu  Colin  Mouset 
I  44  S.  88  seiner  Ausgabe,  als  „auch  im  Afrz.  selten  ge- 
braucht" an  und  weiss  der  Stelle  aus  seinem  Dichter  aus 
der  ganzen  Litteratur  nur  noch  einen  Beleg  aus  Blondel 


—    40  — 


de  Neele  hinzuzufügen,  obgleich  uns  der  letztgenannte 
Dichter  selbst  noch  einen  zweiten  liefert  bei  J.  Brakelmann, 
Chansonniers,  Pariser  Ansg.  v.  J.  1891,  S.  151,  V.  49.  Bei 
Adan  findet  sich  ein  solches  si  häufig,  und  zwar,  wie  das 
bei  einem  in  diesem  Falle  so  nachdrucksvoll  gebrauchten 
und  dabei  seinem  Umfange  nach  so  unscheinbaren  Ad- 
verbium recht  angemessen  ist,  ganz,  wie  in  jenen  beiden 
Beispielen  Bddiers,  im  Reime.  Es  findet  sich  bei  unserem 
Dichter  noch  ausser  an  unserer  Stelle  in  den  Cauchons 
XIV,  V  8,  XVII,  V  4,  XXII,  IV  1  in  den  Parttiren  I,  V  3 
(ed.  de  C.  S.  136).  Auch  in  Adans  ßondeau  VI  ist  nicht 
mit  de  Coussemaker  S.  218  Pour  che  tain  chi  zu  lesen, 
sondern  auf  Grund  der  einzigen  Hs.  Pb 16  Pour  che  Vain 
si,  wie  es  auch  P.  Paris  hist.  litt.  XX  659  lange  vor  de 
Coussemaker  ganz  richtig  angegeben  hatte.  A  cheli  Cui 
j'ain  si  Ki  en  oubli  Ne  messent  son  ami  finden  wir  in 
der  Estampie  10  der  Oxf.  Liederhs.,  Rayn.  300,  III  1—4, 
Archiv  98,  347.  Aehnlich  schliesst  die  Strophe  IV  der 
Kanzone  des  Blondel  aus  Neele  bei  Arras  Rayn.  1545 
mit  dem  Verse  Nus  ne  Vameroil  si.  Aehnlich  schliesst 
auch  die  wiederholt  herausgegebene  Kanzone  Heinrichs  III., 
des  Herzogs  von  Brabant,  Rayn.  511  in  ihren  sechs  Strophen 
jedesmal  mit  dem  Kehrreime  Cui  fain  si  Ke  fen  ai 
euer  et  cors  joli.  Auch  im  Innern  des  Verses  finden  wir 
dies  Adverb  in  gleicher  Anwendung,  so  in  unsres  Dichters 
fragmentarischer  Epopöe  vom  Roi  de  Sczile  X  19  (ed.  de 
Coussemaker  S.  288)  Et  as  ostens  paioit  si  despens  cl 
ostage  und  in  der  hier  weiter  unten  Anm.  abgedruckten 
Strophe  des  Abschiedsgedichtes  des  Arrasers  Baude  Fastoul 
wie  auch  noch  an  manchen  anderen  Stellen.  Auch  noch 
später  im  14.  Jahrhundert  finden  wir  das  Adverb  si  in 
Reimstellung  ganz  so,  wie  an  unsrer  Stelle  und  in  Canchon 
XIV,  V  8,  mit  einem  derartigen  Versjambement,  dass  das 
Zeitwort,  zu  dem  das  Adverb  gehört,  erst  im  folgenden 
Verse  nachkommt,  so  in  einem  Virelay  von  Eustache 
Deschamps,  Bartsch  Chr.4  414,  40  .  .  .  Ne  qui  sy  M^ait  ma 
leesce  doublee. 

II  10.  Destourber  habe  ich  auf  Grund  der  grossen 
Wörterbücher  und  der  Glossare  zu  den  Ausgaben  der  ent- 


—    41  — 


sprechenden  Texte  vorherrschend,  wenn  nicht  ausschliesslich 
in  Werken  beziehungsweise  in  Handschriften  eines  be- 
grenzten nordöstlichen  Bezirkes  gefunden.  Destourner  ist 
offenbar  von  Schreibern  in  den  Text  eingeführt  worden, 
denen  dies  Wort  fremd  oder  ungewohnt  war.  Destraver 
nun  scheint  ungefähr  dem  gleichen  Gebiete,  wie  deslourber 
angehört  zu  haben.  Gleichwohl  hat  der  Schreiber  von 
Pb14  mit  der  Einführung  grade  dieses  Verbums  in  den  Text, 
wie  so  oft,  eine  bemerkenswerte  Ungeschicktheit  bewiesen. 
Bestraver  —  lat.  *deextrabare  „von  den  im  Wege  liegen- 
den Balken  befreien"  —  heisst  in  Verbindung  mit  einem 
persönlichen  Objekte  „jemanden  von  etwas  befreien,  das 
dem  Betreffenden  im  Wege  steht,  also  eine  Last  ist"  und 
beschränkt  sich  wenigstens  in  der  Zeit  unseres  Dichters 
durchaus  auf  diese  Bedeutung.  Als  Last  aber  betrachtet 
unser  Dichter,  in  dem  Zusammenhange  dieses  Liedes  wenig- 
stens, die  Liebe  gewiss  nicht!  Destraver  wäre  höchstens 
für  den  in  den  Text  einzuführen  möglich,  der  es  vom 
Standpunkte  der  ihm  verhassten  Befreier  unseres  Dichters 
ausgesagt  wissen  will,  und  es  bliebe  m.  E.  dann  doch  eine 
ungeschickte  Zweideutigkeit  und  Unklarheit  des  Ausdrucks 
bestehen,  die  man  Adan  de  le  Haie  nicht  zutrauen  darf.  — 
Destraver  aucune  chose  gewinnt  dann  übrigens  die  Be- 
deutung „etwas  beschleunigen,  fördern,  eilig  vornehmen," 
und  so,  glaube  ich,  muss  man  das  destrava  tost  sou  oirre 
in  dem  Eracle  des  Walther  von  Anas,  der  in  diesem  Worte 
wenigstens  sicher  einem  heimatlichen  Provinzialismus  huldigt 

—  mag  man  sich  im  übrigen  zu  der  Ansicht  seines  neuesten 
Herausgebers  W.  Förster,  dass  sich  grade  dieser  arrasische 
Dichter  in  seineu  Werken  der  zentralen  Sprache  bedient 
habe,  stellen,  wie  man  will  — ,  auffassen,  vgl.  F.  Diez,  Et. 
Wtbch.  1  s.  v.  travar)  der  hier  die  Stelle  aus  dem  Eracle, 
nach  Massmanns  alter  Ausgabe  aus  dem  Jahre  1842,  V.  4696 

—  nach  der  E.  Löseths  vom  Jahre  1890,  V.  4752  —  an- 
führt, doch  gleichwohl  die  Bedeutung  von  destraver  mit 
sachlichem  Objekte  nicht  recht  berücksichtigt,  vgl.  auch 
K.  Bartsch  und  A.  Horning,  die  diese  Partie  des  Eracle  in 
ihre  langue  et  litterature  fran9aises  übernommen  haben  und 
es  im  Glossare  für  diese  Stelle  —  199,  21  —  ganz  ver- 


—    42  — 


fehlt  mit  romprc,  briser  übersetzen.  Das  natürlich  in  der 
entgegengesetzten  Bedeutung  noch  nfrz.  übliche  Verbum 
eniraver  ist  bisher  vor  dem  15.  Jahrhundert  nur  einmal 
belegt  und  zwar  von  A.  Jeanroy  durch  die  Herausgabe  der 
Partüre  eines  Huon  mit  einem  Robert,  Rayn.  344,  II  7  (V.  16) 
in  der  Rev.  des  1.  rom.  XL  364  im  Jahre  1897,  vgl.  die 
Anm.  dazu  S.  365;  dass  dieser  einzige  Beleg  grade  aus 
einem  Erzeugnisse  des  nordöstlichen  Sprachgebietes  stammt, 
darin  ist  wohl  mehr  als  ein  blosser  Zufall  zu  sehen !  Vgl. 
übrigens  auch  für  destravcr  in  einer  Bedeutung,  die  ab- 
seits von  der  ihm  an  unserer  Stelle  in  der  Hs.  Pb14  zu- 
kommenden liegt,  den  compte-rendu  zu  H.  Suchier,  Z.  f.  rom. 
Phil.  1  433  durch  G.Paris,  Rom.  VI  629  v.J.  1877. 

III  6.  premiers  le  vi  nach  allen  Hss.,  nicht  mit  de 
Coussemaker  S.  6  pr emier  le  vi,  also  nicht  „ich  sah  sie 
zum  ersten  Male",  sondern  „von  uns  beiden  war  ich  es, 
der  den  anderen  bei  unserer  Begegnung  zuerst  sah  (primus 
illam  vidi),  als  erster  sah";  sonst  ist  premiers,  was  ja  auch 
hier  durchaus  nicht  unmöglich  ist,  auch  einfach  Adverb 
mit  adverbialem  s. 

III  7.  ftfa  tenu  le  cors  joli  =  a  tenu  mon  cors 
joli;  cors  in  der  afr.  so  üblichen  von  A.  Tobler,  Venn. 
Beitr.  I  28  des  näheren  behandelten  Bedeutung  „Person", 
eine  Bedeutung,  die  die  Schreiber  von  A  Pb11  Pb14  offenbar 
verkannt  haben,  wenn  sie  cors  in  euer  änderten.  Cors  in 
gleichem  Gebrauche  findet  sich  bei  unserem  Dichter  noch 
Canchon  III,  VI  2  und  Canchon  XXXI,  II  5. 

III  9 — 10.  So  kühn,  wie  es  nach  dem,  was  Pb7  giebt, 
wäre,  ist  der  verliebte  Dichter  doch  wohl  nicht,  dass  er 
gleich  fürs  erste  beansprucht,  einen  Blick  von  seiner  Dame 
—  regard  de  Ii  —  haben  zu  wollen.  Es  liegt  ihm  nur, 
nachdem  er  einmal  das  Glück  gehabt  hat,  sie  flüchtig  zu 
erblicken,  daran,  einen  Blick  auf  sie  —  resgart  en  Ii  — 
„wiederzuerlangen".  Pb7  hat  aus  en  Ii  nur  darum  de  Ii 
gemacht,  weil  es  offenbar  die  Präposition  en  an  dieser 
Stelle  ebensowenig  verstanden  hat,  wie  Pb6PbuPb15,  die 
dadurch  etwas  Gutes  zu  schaffen  glaubten,  dass  sie  resgart 
durch  voloir  ersetzten  und  dann  wohl  verstanden  „eine 


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—    43  — 


Neigung  in  ihr  wiederzuerlangen."  Doch  ist  vouloir  für 
„Neigung"  ein  höchst  ungebräuchlicher  Ausdruck,  während 
dies  Verbalsubstantiv  in  seiner  häufigeren  Bedeutung  „Ver- 
langen" in  dieser  Verbindung  zu  einer  Voraussetzung  führen 
würde,  wie  man  sie  wohl  für  die  Trouveres  jener  Zeit 
ihrer  „erhabenen  Herrin"  gegenüber  nicht  machen  darf! 
IV  4.    Zu  soi  umeliier  vgl.  die  Anm.  zu  Canchon  II, 


IV  3 — 4  entspricht  inhaltlich  der  zweiten  Hälfte  des 
bekannten  Bibelspruches  Qui  se  exaltat,  humiliabitur,  et, 
qui  se  humiliat,  exaltabitur,  wie  er  sich  in  seiner  ganzen 
Ausdehnung  Ev.  Matth.  23,  12  und  Ev.  Lucae  14,  11  und 
18,  14  und  in  dieser  zweiten  Hälfte  allein  im  Buche  Hiob 
22, 29  findet.  In  gleicher  Beschränkung  auf  die  zweite 
Hälfte  und  in  gleicher  Verwendung  auf  die  gute  Aussicht 
des  sich  demütigenden  Liebhabers  auf  baldige  Erhör ung 
gebraucht  denselben  Colin  Mouset  in  seinem  Carmen  VIII 
V.  12  (ed.  J.  Be'dier,  S.  115)  Qui  plus  s'abaisse,  plus  est 
essaucies,  und  ebenso  in  gleichem  Zusammenhange  ein 
Anonymus  an  einer  Stelle  der  noch  unedierten  Kanzone 
Rayn.  1114,  II  7 — 8,  die  nach  der  Oxf.  Liederhs.  etwa  so 
lauten  muss:  Ki  mius  s'i  veut  amonter,  Plus  s'umel'ie  Par 
sens  et  par  biau  parier  Conire  fol'ie,  ähnlich  auch  in 
negativer  Fassung  Perrin  aus  Achicourt  bei  Arras !)  in  der 
mit  Karl  von  Anjou  gewechselten  Partüre  Rayn.  938, 
V  3—5  (Vv.  47—49),  ed.  A.  Jeanroy,  Rev.  des  1.  rom.  XL 
367  v.  J.  1897:  Car,  ch'est  verlies,  Ki  ne  s'umel'ie,  Fine 
Amours  ouvl'ie!,  in  anderer  Verwendung  der  als  Kleriker 


*)  Es  ist  dies  ein  noch  heute  existierendes  Dorf,  das  nur 
etwa  1/3  Meile  von  Arras  entfernt  ist,  eignen  Kanton  und  Arron- 
dissement  bildet  und  in  der  arrasischen  Litteratur  öfter  erwähnt 
wird;  so  finden  wir  in  der  Pastorelle  Rayn.  71,  I1 1  (Archiv  99,  89) 
einen  Inglebert  de  Haichecort  („Engelbrecht  von  Axthof")  er- 
wähnt. Rl  entstellt  den  Namen  des  Geburtsortes  unsres  Dichters 
hier  im  Gegensatze  zu  den  übrigen  Hss.  zu  Anchicourt,  B2  gar 
zu  Angecort,  und  so  macht  ihn  P.Paris  hist.  litt.  XXIII 666 
fälschlich  zu  einem  Perrin  aus  Angecotirt  („Engelhof")  bei 
S<edan  im  Dep.  des  Ardennes,  während  ihn  seine  ganzen  Be- 
ziehungen z.  B.  die  zu  Karl  von  Anjou  offenbar  in  den  Puy  von 
Arras  und  nach  dem  Artois  als  Heimat  verweisen. 


IV  1. 


—    44  — 


sicher  ebenso,  wie  unser  Adan,  besonders  bibelfeste  arra- 
sische  Dichter  Robert  dou  Castel  in  seinen  von  C.  A.  Win- 
dahl herausgegebenen  Ver  de  le  mort  90,  3  Umilites  faxt 
essauchier  (wie  zu  schreiben  ist)  mit  einer  der  ersten  Hälfte 
des  biblischen  Sprichwortes  entsprechenden  Ergänzung  in 
den  Versen  10 — 12  derselben  Strophe  und  einer  noch 
wörtlicher  damit  übereinstimmenden  zweiten  solchen  in 
Str.  140,  V.  12  jener  Dichtung  Teus  cuide  monter  ki 
s'abaisse,  fast  wörtlich  ebenso,  wie  an  des  Robert  dou  Castel 
erstgenannter  Stelle,  der  Verfasser  der  anonymen  Dichtung 
Comment  Theophilus  vint  a  penitance,  Vv.  1913 — 1914 
Humilitez  les  humbles  Hausse,  Humiii tez  les  siens  eslieve, 
Ruteb.2  III  309  und  fast  wörtlich  ebenso,  wie  an  seiner 
zweitgenannten  Stelle,  der  Verfasser  des  ebenfalls  anonymen 
DU  de  Jean  le  Rigolet  nach  Le  Roux  de  Lincy,  1.  des 
prov.2  II  421,  Teus  cuide  haut  monter  qui  tumbe,  auch  in 
prov.  Fassung,  worin  es  ausser  bei  anderen  Autoren  in 
den  von  Eugen  Cnyrim,  Sprichwörter  bei  den  prov.  Lyrikern, 
S.  35,  N.  382—389  angeführten  Stellen  auch  bei  Guirant 
von  Bornelh  in  dem  Sirventes  B.  G.  242,  77  IV  1 — 2  auf 
denselben  Sinn  hinauskommend  heisst  Tals  cud'  aver  sazo 
bona,  A  cui  en  vai  malamenl  (ed.  A.  Kolsen,  S.  133).  Zu 
der  Verwendung  jenes  ersten  Teiles  des  Bibelspruches  in 
der  afrz.  Litteratur  s.  die  von  Ph.  Simon  in  seiner  Ein- 
leitung zu  seiner  Ausgabe  der  lyrischen  Dichtungen  des 
Jacques  d' Amiens  8.  25  zu  den^Vv.  484 — 485  der  Remedes 
d'Amors  angeführten  Stellen  und  die  ungefähr  gleichzeitig 
von  A.  Tobler  in  seiner  Anm.  zu  Prov.  au  vil.  21,  7,  S.  123 
gegebene  noch  reichhaltigere  Stellensammlung.  Vgl.  auch 
inhaltlich  zu  unsrer  Stelle  Robert  aus  Blois  in  seinem 
Castoiement  aus  dames  II  119  (ed.  J.Ulrich)  Amors  monte 
de  bas  en  haut,  Amors  de  haut  en  bas  descent  Fast 
wörtlich  in  seiner  ganzen  Ausdehnung  mit  Angabe  der 
Quelle  übersetzt  ist  der  Bibelspruch  in  jener  von  A.  Jubinal 
in  seiner  Rutebeuf -Ausgabe  veröffentlichten  Theophilus- 
dichtung  Vv.  1910—1912  (Ruteb.2  III  309)  La  Letre  („Die 
[heilige]  Schrift")  dit  —  n'en  doutez  mie!  — :  Qui  s'essauce, 
si  s'umel'ie;  Qui  s'umel'ie,  Dieus  Vessauce, 


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—    45  — 


IV  8.  La  Curne  de  Sainte  Palaye  trifft  die  Bedeu- 
tungen des  Wortes  signer  ie  schon  ganz  richtig,  wenn  er 
es  in  seinem  altfranz.  Wörterbuche  s.  v.  seigneurie  und 
seignorie  wiedergiebt  mit  „Herrschaft,  Herrschertum,  Ge- 
bietertum,  Besitz,  Herrenrecht,  Gebieterrecht,  Gattenrecht", 
„das  Recht  des  Liebesgenusses u  und  schliesslich  „die  Be- 
tätigung desselben"  —  vgl.  hierzu  auch  estre  sire  = 
„herrlich  und  in  Freuden  leben'4  bei  A.  Tobler,  Anm.  zu 
Prov.  au  vil.  170,  5.  —  Es  sei  mir  erlaubt,  eine  Trouvere- 
stelle  als  Parallele  hierzu  zu  geben,  die  La  Curne  in  dem 
einen  der  beiden  Artikel  aus  seiner  heute  in  der  ArsenaU 
bibliothek  zu  Paris  aufbewahrten  Abschrift  von  Pbtl  heran- 
zieht, die  mir  aber  trotz  wiederholter  Bemühung  nicht  zu 
verifizieren  gelang: 


Falir  a  aucune  rien  „etwas  verfehlen",  „etwas  nicht 
erreichen,  nicht  bekommen,  nicht  erlangen",  „um  etwas 
kommen"  —  vgl.  auch  E.  Mätzner,  Altfrauz.  Lieder,  Anm. 
zu  X  39,  S.  166  — ,  so  auch  in  unseres  Dichters  Canchon 
VII,  II  2  feusse  bien  ore  a  goie  fall  und  auch  in  der 
Kanzone  von  Adans  Pnygenossen  Gaidefer  d'Anjou  Rayn. 
1471,  116  ne  puis  a  goie  falir  und  schon  ganz  ebenso 
bei  dem  Mitgliede  der  älteren  arrasischcn  Dichterschule 
Audefroi  le  Bastart  in  seiner  Kanzone  Rayn.  1436,  die 
jetzt  auch  in  J.  Brakelmanns  Nachlasse  zu  lesen  ist,  Mar- 
burger Ausgabe,  8.  88—89,  VI  3—4  (Vv.  43—44)  Ke  me 
font  a  goie  falir  Li  Gandon  und  ähnlich  im  Kehrreime 
von  Rayn.  1918  Au  guerredon  ai  failli  wie  Rayn.  818, 
IV  8  (V.  35)  Car  il  iia  mie  a  bien  failli  und  im  Dit  de 
la  Panthere  d'amour  von  Nicole  de  Margival  Vv.  1820 — 1821 
(ed.  A.  Todd,  S.  68)  Et  sHl  est  ainsi  que  je  faille  a  vostre 
amor,  .  .  .  und  auch  sonst  in  entsprechender  Verbindung 
auf  arrasischem  Gebiete,  so  in  des  Robert  dou  Casiel  Ver 
de  le  mort  (ed.  C.  A.  Windahl)  100,  12  J  poura  bien  falir 
a  grosse,  wie  in  des  Guilebert  de  Bernevile  Kanzone  Rayn. 
1954, 1  3 — 4  Ne  puet  falir  a  enour  Fins  cuers  ou  elesera! 


S'aucuns  a  de  vos  seignorie 

Et  de  vos  je  soie  ensi  refuse  (1.  refuses), 

Ja  mes  nul  jor  ne  quies  avoir  aiel 


—    46  — 


IV  8 — 10.  Dieser  Ausspruch  scheint  ein  Gemeingut 
der  altfranz.  Liebeslyrik  zu  sein.  So  finden  wir  beispiels- 
weise auch  in  der  Estampie  14  der  Oxf.  Ldhs.,  Rayn.  1762, 
I  zum  Schlüsse  der  Strophe  (Archiv  98,  348):  Trop  mieus 
languiroie  Ke  par  trop  haster  Eusse  perdu  l'esperer 
Üamer  und  auch  noch  bei  unserem  Dichter  Canchon  XXXII, 
V  3 — 4  Om  voit  maifit  perdre  par  haster  Chou  dont 
gouissent  Ii  sovfrant !  Vgl.  übrigens  hierzu  auch  Canchon 
II,  117— 8. 

V  4.  Dame  si  jo'ie  in  Pb14  würde  an  sich  ganz  gut 
in  den  Zusammenhang  passen  und  bedeuten  „frohgesinnte 
Dame",  vgl.  A.  Tobler,  Venn.  Beitr.  I  130.  Ebenso  se 
damisele  gouie  (:  pr'ie,  Hs.  proie)  bei  Blondel  de  JSeele 
Rayn.  1399,  VI  2  (v.  42). 

V  6.  Der  mit  si  voirement  ke  eingeleitete  Nebensatz 
ist  jenem  mit  einfachem  ke  in  V.  9  untergeordnet  und  nur 
einem  afrz.  Sprachgebrauch  zufolge,  den  A.  Tobler  in  den 
Gotting.  Gel.  Anz.  1875,  S.  1078  zum  ersten  Male  nach- 
gewiesen und  dann  auch  Verm.  Beitr.  I  107  berührt  hat, 
anstatt  in  den  letzteren  eingeschachtelt  zu  sein,  vor  das 
denselben  einleitende  Wort  gestellt.  —  Ein  solcher  Neben- 
satz mit  si  voirement  ke  oder  si  vraiement  ke  dient  immer 
zur  Einleitung  einer  durch  einen  Imperativ  oder  einen  von 
einem  Verbum  der  Aufforderung  oder  des  Wunsches  ab- 
hängigen Konjunktivsatz  ausgedrückten  Beschwörung,  so 
auch  Canchon  IV,  V  3. 

VI  2.  Der  Obliquus  nach  dem  Verbum  presenter  steht 
für  den  Dativ.  —  envisiet  (lat.  *invitiatum,  franzisch  envoisie, 
vom  Substantiv  vitium,  vgl.  F.  Diez  s.  v.  I  vizio)  kann,  wie 
hier,  „lebenslustig",  aber  auch  „listig,  verschlagen,  schlau, 
durchtrieben"  bedeuten.  Ganz  ähnliche  Bedeutungen  vereint 
das  lat.  Adjektiv  vitiosus  auf  romanischem  Sprachgebiete; 
ital.  finden  wir  vezzoso  in  der  Bedeutung  „liebenswürdig", 
„reizend",  in  der  näheren  und  weiteren  Umgebung  des 
Sprachgebietes  unseres  Dichters  voiseus,  viseus,  visseus  in 
der  Bedeutung  „schlau,  listig",  wie  das  mittelalterliche  lat.- 
franz.  Wörterbuch  der  Arras  so  nahe  gelegenen  Stadt  Douai 
angiebt,  sagax,  vgl.  F.  Diez,  ebenda.    Das  Adjektiv  visseus 


—    47  — 


finden  wir  in  dem  angegebenen  Sinne  auch  bei  unserem 
Dichter  Canchon  XVII,  I  5. 

VI  4.    Vgl.  Anm.  zn  Canchon  XIII,  III  7. 

VI  7.  Wir  finden  das  Produkt  vom  lat.  Rectus  melior, 
wo  wir  den  Obliquus  erwarten,  bei  artesischen  Dichtern  im 
Gegensatze  zu  denjenigen  nicht  so  nordöstlicher  Sprach- 
gebiete schon  zu  dieser  Zeit  öfter,  so  im  Anfange  der 
Partüre  zwischen  Bmier  de  Carignan  einerseits  und  Jean 
d'Estruen  und  Andriu  d'Ouche  andrerseits,  die  alle  dem 
Puy  von  Arras  nahe  standen,  Rayn.  1235  Jean,  Ii  keus  a 
miudre  viel.  Mit  graindre  war  es  nicht  anders;  so  finden 
wir  in  Adans  Ver  d'amour  v.  63  —  ed.  A.  Jeanroy,  Rom. 
XXII  51  —  Encor  me  douch  de  graindre  anui,  ohne  dass 
ihr  Herausgeber  eine  Bemerkung  dazu  gemacht  hätte.1)  — 
Die  Schreibung  ains  (lat.  antius)  im  Sinne  von  „vorher" 
oder  „vielmehr"  in  A  Pb6  Pb15  Pb16  für  allein  passendes 
ainc  „niemals"  ist  eine  von  den  bekannten  häufigen  Kopisten- 
verwechselungen;  erst  bei  Mousket  finden  wir  die  Form 
ains  in  der  Bedeutung  von  ainc  durch  den  Reim  gesichert. 

VI  9.  Sont . . .  enreki  =  „haben  sich  bereichert",  vgl. 
A.  Tobler,  Anm.  zu  vr.  an.,  v.  166. 


*)  „Die  Feminina,  abgesehen  von  denen  der  s-Flexion  haben 
mit  Ausnahme  von  suer,  serour  (lat.  soror,  sororem)  nie  einen 
andren  Akkusativ  als  Nominativ  gehabt"  (Suchier). 


Vita. 


Natus  sum  Joannes  Theophilus  Rudolfus  Berger 
Berolini  die  XXI.  m.  Octobr.  a.  h.  s.  LXVL  patre  Aemilio, 
quem  etiam  nunc  bona  frui  valitudine  gaudeo  summa  pietate 
eum  colens,  matre  Emma  e  gente  Berger,  quam  partu  meo 
praematuram  mortem  obiisse  lugeo  atque  lugebo.  Fidei 
adscriptus  sum  evangelicae.  Primis  litterarum  rudimentis 
in  schola  elementaria  urbis  patriae  imbutus  decem  per  annos 
frequentavi  gymnasium  Berolinense  illud  vetustissimum,  quod 
Monasterium  Leucophaeum  vocatur  et  quod  Ulis  temporibus 
florebat  auspiciis  viri  doctissimi  Friderici  Hof  mann  curisque 
Augusti  Hoppe  aliorumque  eruditissimorum  professorum, 
qui  fere  omnes  interea  mortui  summa  benevolentia  Semper 
me  adiuvabant.  Auctumno  a.  h.  8.  LXXXV.  in  illo  gymnasio 
maturitatis  testimonium  adeptus  civibus  Universitatis  Fridericae 
Guilelmae  Berolinensis  adscriptus  sum,  ut  studiis  ad  linguas 
cum  latinam,  graecam,  germanicas  tum  romanenses  spectan- 
tibus  me  darem.  Contigit  mihi,  ut  primis  quattuor  semestribus 
finitis  per  quater  senos  menses  sodalis  Seminarii  Romanensis 
Universitatis  Fridericae  Guilelmae  Ordinarius  interessem  exer- 
citationibus  philologicis.  Quibus  absolutis  auctumno  a.  h.  s. 
LXXXIX.  e  numero  civium  academicorum  discessi.  Inde  per 
novem  annos  Berolini  munere  praeceptoris  domestici  functns 
sum  et  studiis  privatis  philologiae  Romanensis  incubui. 

Per  octies  senos  menses  audivi  Scholas  magistrorum 
doctissimorum  Universitatis  Fridericae  Guilelmae  Bouvier, 
Dilthey,  Diels,  Geiger,  Hoffory  (f),  Horstmann, 
Hübner,  Kirchhoff,  Muret,  Paulsen,  Roediger,  Rossi, 
Scherer  (f),  E.  Schmidt,  J.  Schmidt,  Schwan  (f), 
Tobler,  de  Treitschke  (f),  Vahlen,  Zeller,  Zupitza  (f). 
Quibus  omnibus  viris  optime  de  me  meritis  maximas  gratias 
nunc  ago  semperque  habebo,  imprimis  autem  viro  illustris- 
simo  Adolfo  Tobler,  Seminarii  Romanensis  Universitatis 
Berolinensis  directori,  magistro  carissimo,  cuius  auxilio  con- 
siliisque  omni  tempore  uti  mihi  licebat,  qua  re  me  in  per- 
petuum  obstrinxit. 


Thesen. 


I.  Afrz.  gresle,  pikard.  graisle,  prov.  graile  als  Sub- 
stantiv in  der  Bedeutung  „Horn,  Trompete "  ist  allerdings 
mit  G.  Körting,  lat.-roman.  Wbch.  No.  3729  vom  lat.  Adj. 
gracilem  abzuleiten,  aber  nicht,  wie  er  meint,  „mit  Bezug- 
nahme auf  die  schlanke  Gestalt  solcher  Tonwerkzeuge", 
sondern  vielmehr  mit  Bezug  auf  den  hohen,  hellen,  grellen 
Ton,  den  man  zu  dem  Zwecke,  damit  ein  Signal  zu  geben, 
auf  diesem  Kriegsinstrumente  hervorzubringen  pflegt. 

IL  Nfrz.  chene,  afrz.  chesne,  pikard.  caisne,  prov. 
casser  ist,  keinesfalls  mit  F.  Diez,  Et.  Wbch.  546,  II  c,  s.  h.  v. 
von  lat.  *quercinum  abzuleiten,  sondern  vielmehr  etwa  mit 
G.  J.  Ascoli,  Arch.  glott.  XI  425  (1883)  bezw.  H.  Suchier, 
Altfranzösische  Grammatik  I  1,  Halle  1893,  §  27, 1,  S.  37 
als  eine  Kreuzung  von  lat.  castanum  und  fraxinum  auf- 
zufassen oder  vielleicht  auch  auf  Grund  einer  von  mir  ge- 
legentlich geäusserten  Vermutung  als  Derivat  von  lat. 
*casctnum  „uralt"  (sc.  arborem,  vulg.-lat.  masc.)  zu  be- 
trachten. 

IH.  Die  Etymologie,  die  E.  Littre*  für  franz.  gai,  ital. 
gajo  giebt,  von  einem  lat.  Adj.  *gaium  ist  der  alten  von 
ahd.  gähi  nhd.  Jähe  bei  F.  Diez,  Et.  Wtbch.  151  I  s.  v. 
gajo  vorzuziehen.  Aus  demselben  Grunde  ist  auch  ein  fränk. 
*gäho  hlaupan,  nhd.  jäh  laufen  als  Etymon  für  franz. 
galoper  etc.,  wie  es  Wackernagel  vorschlägt,  zu  verwerfen. 


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Canchons  und  Partures  das  altfranz 
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